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Retro kommt in Mode

Nostalgische Gefühle: Die chinesische Kamera Hai'ou. (Quelle: Taobao)

Viele chinesische Marken, die vor 10, 20 Jahren sehr beliebt und bekannt waren, fristen nun ein kümmerliches Dasein, verdrängt von den grossen, internationalen Marken. Die Marken Hai’ou (dt. «Seemöwe») und Yongjiu (dt. «Ewig») erleben seit kurzem aber eine Auferstehung – dank der Nostalgie und der Kreativität ihrer Erwecker.

Chen Haiwen, heute ein berühmter Fotograf Chinas, fing sein Metier mit dem Modell einer «Seemöwe» an. Die Traditionslinie der Firma Hai’ou (Seemöwe) stellte bis vor kurzem jährlich 420’000 Analogapparate her, die jedoch von moderneren Digitalkameras kontinuierlich vom Markt verdrängt wurden. Vor 5 Jahren wurde die Produktion eingestellt.

Eines Tages ersuchten wandten sich die Eigentümer der letzten Produktionslinie an Chen Haiwen: Sie befanden sich tief in den roten Zahlen und baten den berühmten Fotografen um Hilfe. Der Plan war, in einem Joint-Venture mit einer Firma ähnlichen Namens, die ebenfalls auf Digitalkameras spezialisiert ist, eine neue Linie aufzuziehen.

Ein Apparat pro Tag

Die ersten Prototypen stellten Chen Haiwen jedoch nicht zufrieden; zu billig war die Herstellung und von minderer Qualität. Schliesslich suchte und fand der Fotograf jemanden, der noch in den1960er-Jahren in einer «Seemöwen»-Fabrik gearbeitet hatte. Zusätzlich existierten noch genug Einzelteile, um etwa 1000 Apparate herzustellen.

Ziel des Revivals der Marke «Seemöwe» ist nun, mit Hilfe des alten Handwerkers und den übrig gebliebenen Teilen die letzten Fotoapparate in einem langsamen Prozess zu fabrizieren, einen Apparat pro Tag, bis alle Elemente aufgebraucht sind.

Im Internet erhältlich

Damit sollen insbesondere Sammler und Liebhaber der Marke anvisiert werden. Bislang haben vor allem Bekannte aus dem Fotografenkreis Chen Haiwens seine Apparate über einen kleinen Laden in den Aussenbezirken Shanghais gekauft.

Neuerdings sind die Apparate auch über die beliebte Verkaufsplattform Taobao erhältlich. Die Zukunft der Marke bleibt jedoch ungewiss: Sind einmal alle verbleibenden Teile zusammengebaut, bräuchte es enorme Investitionen, um die Produktionslinie in grösserem Umfang neu aufzusetzen und beizubehalten.

Das ewige Fahrrad

Wie sich China früher fortbewegte: Ein Fahrrad der Marke Yongjiu(Quelle: Taobao)

Gao Shusan, ein Städte- und Gebäudearchitekt der renommierten Tongji-Universität, steht derweil in Kontakt mit der Fahrradmarke Yongjiu («Ewig»). Vor kurzem gründete er einen Verband namens Chengsi (Crossing), bestehend aus weiteren Absolventen der Tongji- und Zhejiang-Universität.

Sie alle haben Webdesign, Industriedesign oder Architektur studiert. Die Verbandsgründung entstand aufgrund von Auslandsaufenthalten im Westen, wo die Mitglieder Fahrräder als Nonplusultra eines ökologischen Lifestyles erlebten.

Ein Fahrrad-Revival dank Yongjiu?

Sie wollten dieses Konzept erneut in China einbringen, denn im ehemaligen «Königreich der Fahrräder» hat schon längst das Auto Oberhand.  Den Mitgliedern des Crossing-Verbandes schwebt der Beginn eines Fahrrad-Revivals vor Augen und dies am besten mit der Traditionsmarke «Ewig».

«Ewig» verlor Ende der 1990er-Jahre stark an Wert und wurde schliesslich vom Unternehmen Zhonglu aufgekauft. Aufgrund der starken Konkurrenz durch die beliebten und günstigen Elektrovelos und Autos gingen die Verkäufe nur schleppend voran. Chen Shan, momentaner Chef der Traditionsmarke, versucht nun, mit dem Crossing-Verband neue Märkte für die alte Marke zu erschliessen.

Zwei Versuche waren nötig

Erste Versuche mit italienischen Pininfarina-Designern von Ferrari und solchen der Tongji-Universität scheiterten. Ähnlich wie bei der Seemöwe war das das Endprodukt zu kunstreich und zu teuer in der Herstellung. Ein neuer Anlauf mit mehr Leuten des Crossing-Verbands brachte neue Erkenntnisse: Das Gestell wurde leichter gemacht, neue Farben verwendet und heutzutage redundante Teile entfernt.

Seit August sind die neuen Modelle auf dem Markt, über Mund-zu-Mund-Propaganda ist die alte Marke wieder aktuell geworden und wird auf sozialen Netzwerken wie Douban heiss diskutiert. Als Verkaufskanal dient primär das Internet, so wird das Rad vorerst nur auf der Verkaufsplattform Taobao gehandelt. Bislang wurden zwar erst wenige Fahrräder verkauft, meist an kleinere Zielgruppen wie Designer- und Modefirmen, aber Chen Shan möchte zukünftig einen grösseren Massenmarkt ansprechen.

Weitere alte Marken in neuem Verkauf

Auch weitere Marken erleben eine Auferstehung aus den Tiefen der Vergangenheit. So widerfährt es momentan einer Armbanduhr der Marke Shanghai und Turnschuhen der Marke Feiyue. Sehr beliebt unter Kampfsportlern in China, entdeckte ein französischer Designer die chinesischen Turnschuhe vor fünf Jahren und sorgte kurzerhand für deren Fortbestand. ms.

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