News aus Japan, Taiwan und China

Wie eine Socke zum Politikum wird

Versteht die Welt nicht mehr: Die Taiwanerin Yang Shu-chun kurz nach der Disqualifikation. (Auszug: Videoland Sports)

Versteht die Welt nicht mehr: Die Taiwanerin Yang Shu-chun kurz nach der Disqualifikation. (Auszug: Videoland Sports)

Vergangene Woche trat Taiwans Medaillenhoffnung in Taekwondo, Yang Shu-chun gegen die Vietnamesin, Vu Thi Hau an. Nachdem die 25-jährige Taiwanerin bereits 9 zu 0 in Führung war, wurde sie vom Schiedsrichter disqualifiziert. Yang wird vorgeworfen, an ihren Socken zusätzliche Sensoren getragen zu haben, die möglicherweise mehr als die tatsächlich platzierten Treffer aufzeichneten.

Die Athletin brach darauf in Tränen aus, setzte sich demonstrativ auf die Matte und weigerte sich die Wettkampfhalle zu verlassen. Die taiwanische Delegation protestierte gegen das Urteil und bestand darauf, dass die Sensoren von den Veranstaltern bereits vor dem Kampf geprüft und angenommen worden seien.

Unterschwellige Anti-China-Gefühle

Besonders geärgert hat das taiwanische Team, dass sich der chinesische technische Berater des Wettkampfes über Yangs Sensoren beschwert hatte und somit der chinesischen Athletin den Weg zur Goldmedaille ebnete. Taiwans Medien machten Yang Shu-chun zum Aufhänger und nennen den Vorfall seither «Socken-Gate».  Auf Facebook haben mehrere zehntausend Mitglieder Yang ihre Unterstützung zugesagt und auf  taiwanischen Internetforen werden Chinesen als Schweine und Barbaren beschimpft.

Es sind unterschwellige Anti-China Gefühle, die durch den Vorfall an die Oberfläche gekommen sind. Zwar ist die Insel seit dem Ende des chinesischen Bürgerkriegs 1949 faktisch von China unabhängig, aufgrund des Drucks der Volksrepublik wird Taiwan – das sich offiziell «Republik China» nennt – jedoch von den wenigsten Staaten anerkannt. So darf Taiwan auch an internationalen Sportwettkämpfen wie den Asienspielen – zum Ärger vieler Taiwaner – nur unter dem Namen «Chinese Taipei» teilnehmen.

Bürgermeisterwahlen als Faktor

Die Regierungspartei Kuomintang, die in Taiwan seit 2008 wieder an der Macht ist, verfolgt eine Annäherungspolitik mit dem Festland. So gibt es inzwischen direkte Linienflüge zwischen China und Taiwan und im Sommer dieses Jahres unterzeichneten beide Seiten der Taiwanstrasse ein umfangreiches Handelsabkommen. Doch auch die Kuomintang kann sich der anti-chinesischen Stimmung in der Bevölkerung nicht ganz entziehen, stehen doch momentan in fünf taiwanischen Städten Bürgermeisterwahlen an.

Taipeis Bürgermeister Hau Lung-bin, der Ende Woche zur Wiederwahl antritt, benannte seine Wahlwahlkampf letzten Sonntag zum Unterstützungs-Umzug für die Taekwondo-Kämpferin um. Taiwans Präsident Ma Ying-jeou sagte, Yangs Disqualifikation sei inakzeptabel und versprach, die Regierung würde alles unternehmen, damit der Athletin Gerechtigkeit widerfahre. Die Opposition wirft der nun Regierung vor, aus dem Vorfall politisches Kapital zu schlagen.

Auch Südkorea kriegt sein Fett ab

Nicht nur China, auch Südkorea steht in der Kritik der Taiwaner. So war der Schiedsrichter des Kampfes Koreaner und der Sitz des asiatischen Taekwondo-Verbandes befindet sich in Seoul.

Dieser bezichtigte auf seiner Website die taiwanische Kämpferin des Betrugs, was in Taiwan zu zusätzlichen Protesten führte. Inzwischen wird in taiwanischen Medien und im Internet zum Boykott von koreanischen Produkten aufgerufen.

Untersuchung angekündigt

Für Yang Shu-chun selbst, die sich über ein Jahr  intensiv auf die Spiele vorbereitet hatte, ist womöglich noch nicht alles verloren. Der Taekwondo-Weltverband hat eine Untersuchung angekündigt – allerdings soll ein Ergebnis erst nach Ende der Asienspiele bekannt sein. Die taiwanische Regierung ihrerseits will den Fall vor den internationalen Sportgerichtshof in Lausanne bringen.

Auch China hat wohl kein Interesse an einer Eskalation: Eine Regierungssprecherin liess verlauten, man bedauere die Disqualifizierung der taiwanischen Athletin und könne den Ärger der Taiwaner nachvollziehen. ma.

Kommentar schreiben