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Der Niedergang der Zensur

Erhitzte Gemüter: Wang Yongping, der Pressesprecher des Bahnministeriums, an der Pressekonferenz. (Auszug: Youtube/ TheChineseNews)

Erhitzte Gemüter: Wang Yongping, der Pressesprecher des Bahnministeriums, an der Pressekonferenz. (Auszug: Youtube/ TheChineseNews)

Der Tag wird bereits 7•23 genannt, als ein Blitzeinschlag im Südbahnhof Wenzhous das Signalsystem des Zugsystems störte. In der Folge kollidierte der Zug D301 von Peking nach Fuzhou mit dem Zug D3115 von Hangzhou nach Fuzhou (Asienspiegel berichtete). Die Zahl der Verletzen und Toten wurde seither laufend nach oben korrigiert. Gemäss der offiziellen Nachrichtenagentur Xinhua starben 39 Personen und 200 wurden verletzt.

Doch das war erst der Unfall. Während den Aufräumaufarbeiten und in der Reaktion des Bahnministeriums offenbarten sich schwere Mängel im Umgang mit der tragischen Situation. Auf alternativen Kanälen wie Weibo, der chinesischen Twitter-Variante und den Blogs verurteilen die chinesischen Bürger die falschen Sicherheitsversprechen und das Misstrauen gegenüber der Regierung. Über 26 Millionen Kurznachrichten haben sich innert kürzester Zeit verbreitet.

Die hilflose Situation der Regierung widerspiegelte sich in der Reaktion (Teil 1, 2) des Pressesprechers der Regierung, Wang Yongping. Einen Tag nach dem Unfall wurde er gefragt, wie ein kleines Mädchen noch lebend gefunden werden konnte, nachdem die offizielle Rettungsaktion bereits eingestellt worden war. Wang Yongping antwortete platt mit «das war ein Wunder…». «Das war KEIN Wunder, KEIN Wunder!» unterbrachen ihn die erbosten Journalisten.

Die Reaktion im Internet

Zuoberst das Logo des Eisenbahnministeriums, darunter kreative Abwandlungen der Blogger-Szene.

Zuoberst das Logo des Eisenbahnministeriums, darunter kreative Abwandlungen der Blogger-Szene.

Am nächsten Tag kursierten im Internet folgender bitterböser Witz: «Eine Gruppe von chinesischen Kindern kommt in den Himmel und Gott fragt sie nach ihrer Herkunft. Nummer 1 sagt: ‹Ich bin mit dem Lift gekommen.› Nummer 2: ‹Ich bin mit dem Car gekommen.› Gott zeigt auf ein weiteres und fragt: ‹Kind, wie bist du hergekommen?› – ‹Mit dem Hochgeschwindigkeitszug.› – ‹Das war aber wirklich böse von dir! Geh sofort zurück und wir zeigen denen, was das für ein Wunder ist!›».

Auf Weibo erhalten die Medienschaffenden derweil viel Lob für den Mut gegen das Gebot, nur offiziell zugelassene Meldungen zu senden, verstossen zu haben. So berichtete Wang Qinglei, ein Produzent beim staatlichen Fernsehsender CCTV, in einer Newssendung zu offen über den Unfall und wurde daraufhin gefeuert. «Zu den Berufen, die eine Gesellschaft prägen, gehören Lehrer, nicht korrumpierbare Ärzte und Journalisten, die dem Machtmissbrauch trotzen», schrieb eine chinesische Internetnutzerin daraufhin. Wenn es solche Berufe noch gebe, dann «verfügt das Land noch über eine Seele.»

Auf anderen Kanälen griff die Zensur durch: Shu Kexin, ein politischer Aktivist, kommentierte im Pekinger Fernsehsender V1 VoDone harsch die Aufräumarbeiten und die Reaktion der Regierung. Die Übertragung der Nachrichtensendung wurde kurz darauf gestoppt und sämtliche Aufnahmen im Internet gelöscht. «Harmonisieren» nennt man dies in China. Auf Youtube ist die Sendung jedoch immer noch zu finden. Auch die Inhalte von Weibo stehen in einem konstanten Wettlauf gegen die Löschmassnahmen der Regierung. Hier zeigt sich aber: Die schnelle Verbreitung einer Kurznachricht, indem sie von Millionen von Nutzern geteilt wird, erschwert die Zensurarbeit der Behörden massiv.

Mangelhafte Ausbildung

An Lu, der Vorsteher der Shanghaier Eisenbahnverwaltung, veröffentlichte am 28. Juli erste Erklärungen zur Ursache des Unfalls. Gemäss seinen Aussagen waren schwerwiegende Mängel im Signalsystem schuld am Zugunglück. Als die Signalstation in Wenzhous Südbahnhof vom Blitz getroffen wurde, hätte das System automatisch auf Rot schalten müssen. Stattdessen blieben die Signale auf Grün. Zudem sei das Sicherheitsgefühl der Angestellten der Leitstelle zu wenig ausgeprägt gewesen, denn sie hätten es versäumt, die falsche Signalanzeige zu erkennen und an die Zugführer weiterzuleiten.

Zudem seien die Angestellten des Wenzhouer Südbahnhofs mit den neuen technischen Installationen noch nicht vertraut genug. Sie hätten nur ungenügend die vom Blitz verursachten Schäden reagieren können. Dies zeigt in einem weiteren Schritt die mangelhafte Ausbildung, die das Bahnministerium den Angestellten gewährt. Alles in allem stellt Lu An fest, habe sich der Unfall aufgrund der mangelhaften Qualität der technischen Installationen, menschlichen Versagens und der lokalen Handhabung der Situation ereignet.

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