News aus Japan, China und Korea

Das Ventil der Gesellschaft

Wer gehört werden will, twittert auf chinesisch «Weibo».

Wer gehört werden will, twittert auf chinesisch «Weibo».

Zwar ist in China der Zugriff auf Twitter gesperrt, doch haben sich schon längst Alternativen etabliert. Sina Weibo, die bislang grösste und beliebteste chinesische Variante, erlaubt dieselben Möglichkeiten wie Twitter und erweitert diese noch. Die Zeichenzahl ist ebenfalls beschränkt, doch können auch Bilder, Videos und andere Medien an die Nachrichten angehängt werden. Vor 7-23, dem Tag des Zugunfalls in Wenzhou (Asienspiegel berichtete), wurde bereits über mögliche Veränderungen diskutiert, die Weibo in China auslösen könnte. Kurz nach dem Zugunfall erhärtete sich die entscheidende Rolle von Weibo in der Medienlandschaft noch mehr (Asienspiegel berichtete).

Die Journalisten Yan Juan und Yu Wan diskutierten Anfangs Juli den Einfluss von Weibo in Banyue tan – neibu ban, einer Zeitschrift des Propagandaministeriums. Der Artikel erschien in der intern zirkulierenden Ausgabe, die nur für die Angestellten erhältlich ist. Die Journalisten konstatierten darin: «Das Internet wurde zum Megaphon der gesellschaftlichen Angelegenheiten und das Ventil für die allgemeine Stimmung, doch Weibo steigerte diese beiden Funktionen ins Unermessliche.» Der Politologe Yang Xuedong, der im Departement für Kompilationen und Übersetzungen arbeitet, bestätigt diesen Trend. Seit letztem Jahr sei die Rolle von Weibo in Bezug auf öffentliche Angelegenheiten und Diskussionen stark gewachsen. Weibo ist zu einer öffentlichen Diskussionsplattform, zur Verbreitung von Nachrichten und der Mobilisierung von Bürgern geworden.

Dass Weibo China transformiert, ist fest in vielen Köpfen der User verankert. «Übersteigen deine Fans die 100, bist du wie der Autor einer firmeninternen Zeitschrift. Hast du mehr als 1000 Fans, bist du ein Bulletinboard, hast du mehr als 10’000 Fans, dann bist du eine Zeitschrift. Wenn du aber 100’000 Fans hast, bist du die Zeitung einer Metropole, mit 1 Million bist du eine nationale Zeitung, aber mit 10 Millionen, dann bist du eine Fernsehstation», besagt ein populäres Sprichwort, das im Internet kursiert. Und in einem bevölkerungsreichen Land wie China kann es gut sein, dass einer bekannten Persönlichkeit 10 Millionen Fans folgen.

Das Spiel der Behörden

Die Stärke ist denn auch gleichzeitig die Schwäche von Weibo, wenn jeder seine Meinung äussern kann. Denn Weibo hebt auch das Format des Augenzeugenberichts hervor, was oft zu subjektiven und emotional eingefärbten Berichten führt. Besonders drastisch zeigte sich dies beim Erdbeben und der AKW-Katastrophe Japans. So verbreitete sich über Weibo damals in Windeseile das Gerücht, dass Jodsalz gegen eine mögliche Strahlenverseuchung helfe, worauf es zu regelrechten Hamsterkäufen kam (Asienspiegel berichtete).

Auf Weibo sind Glaubwürdigkeit und faktentreue Informationen nicht immer so einfach herauszufiltern. Zudem mischen die Behörden kräftig mit. Angestellte von Regierungsinstitutionen klinken sich unter echtem Namen in das Weibo-Geschehen ein. Die meisten davon stammen aus dem Amt für öffentliche Sicherheit. Damit werden regierungstreue Informationen übermittelt, welche die User an die Hand nehmen und «anleiten».

Ein Transformator der Gesellschaft

Das Zugunglück zeigte jedoch, wie Weibo den Nutzern ermöglicht, ihre Version der Realität zu verbreiten. Sina Weibo wurde kurz nach dem Zugunfall mit Meldungen überrollt, die ihrem Frust, Ärger, und ihrer Wut über die Affäre Luft machten. Die Mikroblogger zeigten immer wieder aufs Neue, wie sehr sie mit dem Vorgehen der Regierung und insbesondere des Eisenbahnministeriums unzufrieden waren.

Selbst gebaute Umfrage auf Weibo: «Bist du zufrieden, wie das Eisenbahnministerium mit dem Zugunfall Wenzhous umgeht?» 977 Antworten: «Sehr zufrieden». 1960 Antworten: «Grundsätzlich zufrieden». 150942 Antworten: «Pah!» (das Geräusch für Verachtung, aber auch für Spucken).

Selbst gebaute Umfrage auf Weibo: «Bist du zufrieden, wie das Eisenbahnministerium mit dem Zugunfall Wenzhous umgeht?» 977 Antworten: «Sehr zufrieden». 1960 Antworten: «Grundsätzlich zufrieden». 150942 Antworten: «Pah!» (das Geräusch für Verachtung, aber auch für Spucken).

Wie C. Custer für Penn Olson schreibt, ist Sina zwar verpflichtet, ihre Inhalte zu zensieren. Doch kurz nach dem Zugunglück von Wenzhou erwies sich dies als schlicht unmöglich: Mehr als 10 Millionen Nachrichten zu löschen wäre zu offensichtlich gewesen. Aber einzelne Nachrichten zu löschen, brachte genau so wenig, denn wichtige Mitteilungen werden anhand von Retweets nach dem Schneeballsystem weitergeleitet. Im Falle von Wenzhou waren die Weibo-Nutzer schneller als die Zensur. Und wenn Regierungsanweisungen an die Medienschaffenden, wie über den Unfall zu berichten sei, auf Weibo veröffentlicht werden, werden Kontrollmassnahmen erst recht ad absurdum geführt. So werden auch in Zukunft die Nutzer von Weibo der öffentlichen, von der Regierung ratifizierten Meinung, ihre Version der Realität entgegenhalten.

Kommentar schreiben