News aus Japan, China und Korea

Baumwolle statt Reis

Dr. Pamela Ravasio ist Textilaficionado, Journalistin und Beraterin. Beruflich berät sie KMUs der Textil- und Modebranche in Sachen Nachhaltigkeit, und publiziert und forscht zum selben Thema. Sie ist in Zürich aufgewachsen und hat sie an der ETH dissertiert. Von 2005 bis 2009 lebte sie in Japan, seit 2009 in London. Ihre Website Shirahime gewann im Juni 2011 den Observer Ethical Award, den «Grünen Oscar» Grossbritanniens. Für Asienspiegel schreibt sie über japanische Mode und Textilhandwerk sowie die Rolle der Zivilgesellschaft.

Das Resultat harter Arbeit: Die Baumwollernte steht an. (Foto: tohokucotton.com)

Das Resultat harter Arbeit: Die Baumwollernte steht an. (Foto: tohokucotton.com)

Baumwollfelder in Japan? Was auf den ersten Blick etwas surreal anmutet, hat in Wahrheit historische Wurzeln und einen wissenschaftlichen Hintergrund. Seit Baumwolle im Mittelalter den Weg nach Japan fand, wurde die Pflanze vor allem dann eingesetzt, wenn eine Versalzung der Böden den Anbau von Reis unmöglich machte.

Baumwolle war die optimale Alternative, da sie bis zu einem Salzgehalt von etwa 0,6% – je nach Bodenzusammensetzung auch etwas mehr – angebaut werden kann. Beim Reis ist dies nur bis zu einem Gehalt von bis zu 0,2% möglich. Abgesehen davon ist Baumwolle natürlich auch durch ihren Wert als Textilfaser eine attraktive Alternative.

HISTORISCHES WISSEN WIEDERENTDECKT

Seit dem Erdbeben und dem Tsunami im vergangenen März sehen sich die Bauern im Nordosten des Landes mit genau diesem Problem konfrontiert. Durch die Flutwelle ist der Boden versalzen. An Reisanbau ist nicht mehr zu denken. In der Folge wurde historisches Wissen wiederentdeckt. So wurde im Mai, im Rahmen des Tohoku Cotton Projects, auf kleinster Fläche (ca. 0.2 km2) erstmals seit langem Baumwolle als Alternative zu Reis angepflanzt.

In einer Region, in der die Landwirtschaft nicht unerheblich zum wirtschaftlichen Gleichgewicht beiträgt, sind die sozialen wie auch die landwirtschaftlichen Auswirkungen eines solchen Projektes nicht zu unterschätzen: Gemäss Japans Landwirtschafts-, Forst- und Fischereiministerium machte der Tsunami in der Region Sendai mehr als 235 Quadratkilometer Farmland im Wert von beinahe 4 Milliarden US$ bis auf weiteres unbebaubar.

Versalzen, aber nicht unbrauchbar: Reisfelder, wenige Wochen nach dem Tsunami. (Foto: Tohokucotton.com)

Versalzen, aber nicht unbrauchbar: Reisfelder, wenige Wochen nach dem Tsunami. (Foto: Tohokucotton.com)

BIO-BAUMWOLLE

Interessant sind die zwei wichtigsten Projektpartner des Baumwollprojektes: Kurkku Ltd. und die ITOCHU Corporation. Die beiden Unternehmen haben im Jahr 2007 das Pre-Organic Cotton Project (POCP) ins Leben gerufen. Dabei geht es um die Förderung internationaler Baumwoll-Projekte, die sich in der Übergangsphase vom konventionellen zum biologisch zertifizierten Anbau befinden. Ziel ist es, zusätzliche Anreize für Baumwoll-Bauern zu schaffen, auf den Bio-Anbau umzustellen. 2011 lag die Ernte bei schätzungsweise 1000 Tonnen.

Förderer des Projekts und Abnehmer solcher Baumwolle sind so renommierte Marken wie Aigle, McGregor, The Suit Company, Lee, Urban Research oder United Arrows. Diese und ähnliche Initiativen zur Kommerzialisierung von Biobaumwolle haben in der Vergangenheit den Druck auf die japanische Regierung verstärkt, eine gesetzlich bindende Definition des Begriffs Biobaumwolle festzuschreiben. Im Mai 2010 wurde schliesslich ein gesetzliches Regelwerk zur Kennzeichnung von Biobaumwolle erlassen.

KLEINE ERNTE

Handarbeit: Der Baumwollanbau. (Foto: Tohokucotton.com)

Handarbeit: Der Baumwollanbau. (Foto: Tohokucotton.com)

Bei der Lancierung des Tohoku Cotton Projektes wurde eine Ernte von knapp 2 Tonnen erwartet. Das ist sehr, sehr wenig. Die Ernte könnte aber – wenn einmal die Machbarkeit des Projektes erwiesen ist – kommendes Jahr bereits um Einiges höher ausfallen.

Am Ende fiel die Ernte noch tiefer als erhofft aus: Die späte Aussaat Mitte Juni, sowie tiefe Sommertemperaturen und insbesondere wiederholt starke Regenfälle wie während des Taifuns Nummer 15, hatten dazu geführt, dass Teile der Aussaat eingingen, und die verbleibenden Pflanzen sich nicht wie erwartet entwickelten.

«EIN GESCHENK, DAS UNS KRAFT GAB»

Das Erntefest, welches ursprünglich auf Anfang November geplant war, wurde zuerst auf Mitte, und schliesslich auf den 26. November verschoben. Nichtsdestotrotz war es gut besucht, und jeder Einzelne, vom Kleinkind bis zur Oma, trug zum mühseligen und gleichzeitig akribischen Erntevorgang «ihrer» Baumwolle bei.

Dass auch kommendes Jahr wieder Baumwolle angepflanzt wird, steht bereits ausser Frage, wie aus der Festansprache hervorgeht: «Dank dieser edlen Pflanze war es uns möglich viele Leute kennen zu lernen und mit Ihnen ins Gespräch zu kommen. Das ist ein Geschenk, das uns Kraft gegeben hat. Nun da wir wissen dass es machbar ist, und wo die Schwierigkeiten liegen, werden wir auch nächstes Jahr mit vereinten Kräften, und noch grösserer Motivation als bisher, unser Ziel verfolgen, und es auch erreichen.»

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