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Ein chinesischer Politthriller

Ein Bild aus glücklichen Tagen: Bo Xilai bei einer Pressekonferenz in Hongkong, 2010.

Ein Bild aus glücklichen Tagen: Bo Xilai bei einer Pressekonferenz in Hongkong, 2010.

Der Politthriller um Bo Xilais Niedergang wäre, insbesondere mit den Entwicklungen in letzter Zeit, eine filmreife Geschichte. Wie bereits Asienspiegel berichtete, steht Bo Xilais Ehefrau Gu Kailai unter Mordverdacht und Bo Xilai selber wurde vom Amt des Parteichefs der Stadt Chongqing enthoben.

Doch es scheint, als sei mit Bo Xilais Niedergang eine riesige Büchse der Pandora geöffnet worden. Was nämlich allmählich zutage tritt, möchte die Spitze Chinas am liebsten erneut in die Büchse zurückbefördern.

Paradebeispiel eines Mitglieds der «Kronprinzenpartei»

Im Grunde genommen illustriert die Affäre um Bo Xilai die oligarchischen Machstrukturen Chinas, bei denen eine lokale (Provinz-)Elite sowohl die ökonomische als auch politische Macht in den Händen hält. Während seiner Zeit als Parteichef von Chongqing festigte er seine politische Macht und errang sowohl Furcht als auch grosse Beliebtheit (Asienspiegel berichtete, mehr hier).

Gleichzeitig vergrösserte er über seine Position aber auch den Reichtum seiner Familie, die machtvolle Positionen in staatlichen Firmen besetzen (mehr hier). Dies sichert den gesamten Reichtum des Clans, der aber in seinem ganzen Ausmass nicht direkt ersichtlich ist. Der Fall Bo Xilai illustriert schliesslich umso deutlicher, wie Mitglieder der «Kronprinzpartei» (chin. taizidang 太子党) vom wirtschaftlichen Aufschwung Chinas profitieren. Sie sind – wie auch Bo Xilai – alles Nachkommen von prominenten und einflussreichen kommunistischen Funktionären, die ihnen sowohl politische und damit auch ökonomische Macht «vererbten».

Vom Mord- zum Abhörskandal

Während sich jedoch die chinesischen Medien primär auf den Mordfall um Gu Kailai und dem verstorbenen Neil Heywood konzentrieren, überdecken sie sie damit noch einen weiteren Aspekt der Affäre, der in den letzten Tagen über ausländische Medien durchgesickert ist (etwa hier). Um möglichst gut über seine Widersacher und Mitstreiter informiert zu sein, liess Bo Xilai nämlich höchste Parteimitglieder abhören, wozu auch Hu Jintao, der Staatspräsident der VR China, gehörte. Das Abhörsystem deckte sämtliche Formen der Telekommunikation ab.

Der Fall zeigt, wie Mitglieder der obersten Gremien, der Spitze des Landes, nicht davor abschrecken, sich gegenseitig mit technischen und unlauteren Mitteln zu überwachen, um über die gegenseitigen Absichten und Ziele vorzeitig informiert zu sein. Gleichzeitig zeugt dies von grossem Misstrauen und Uneinigkeit unter der kommunistischen Führung, die sich alle Mühe gibt, nach aussen als geschlossene, geeinte Entität aufzutreten.

Die Medien schweigen, das Internet brodelt

Wer die Tagesmedien der VR China liest, stösst kaum auf Reportagen oder genaue Analysen des Bo-Falls. Wie in solch heiklen Fällen üblich müssen Medien die offiziellen Meldungen der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua verwenden. Doch im Internet brodelt es. Wie bereits der Zugunfall von Wenzhou zeigte, wird es im Zeitalter der Social Media für die Regierung immer schwieriger, «Gerüchte» und andere inoffizielle Nachrichten zu unterbinden (Asienspiegel berichtete hier und hier).

Zwar wurde die Kommentarfunktion auf Weibo wiederholt eingeschränkt, die Zahl der gesperrten Begriffe immer wieder erhöht, doch die User umgehen diese mit immer ausgeklügelteren Wortspielen und informieren sich per VPN-Zugang bei ausländischen Medien, was in ihrem eigenen Land vor sich geht. Aber auch Unregelmässigkeiten im Internet allgemein weisen auf das Ausmass des Bo-Skandals hin. So fiel kürzlich während zwei Stunden ein grosser Teil des Internettraffics in China aus und die US-Webseite Boxun.com, die über den Fall ausführlich berichtet, wurde Ziel einer massiven Cyber-Attacke. Der Fall um Bo Xilai scheint sich schliesslich zum Lackmustest für die Macht der sozialen Medien zu entwickeln, aber auch für die Macht der Kommunistischen Partei an sich.

Weiterführende Links:

  • Die New York Times publizierte eine informative Karte, die das komplexe Familiengeflecht illustriert.
  • Bo Guagua, der Sohn Bos und Gus, publizierte ein öffentliches Statement, worin er die Kritik an seinem ausschweifenden Lebensstil als «Partylöwe» und an seiner Universitätskarriere zurückwies.
  • «Bo Xilais Lied»: Satirisches Lied voller Wortspiele des Aktivisten Ai Weiwei.
  • Propagandistische Sendung von Chongqing TV über die – damals noch hoch gelobten – Praktiken Bo Xilais, Rote Lieder singen zu lassen und gegen Korruption anzugehen.
  • Die letzte, dreistündige Pressekonferenz von Wen Jiabao, in der er implizit Bo Xilai kritisierte – danach begann der Niedergang Bos.

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