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Ein wenig Nordkorea in Shanghai

Kellnerinnen beugen sich über ein iPhone in einem nordkoreanischen Restaurant. (flickr/mrneutron)

Kellnerinnen beugen sich über ein iPhone in einem nordkoreanischen Restaurant. (flickr/mrneutron)

Generell hegt China ein zwiespältiges Verhältnis zu Nord- und Südkorea. Ist das nördliche Land ideologischer Freund, stellt das südliche vielmehr einen Orientierungspunkt für Konsum und Kultur dar. So geniessen viele Chinesen südkoreanisches Essen, wohingegen nordkoreanisches weniger bekannt ist.

Doch He Jianli, Shanghaierin und Bloggerin, berichtete kürzlich in einem Artikel für die chinesische Financial Times von einem ganz besonderen Restaurant Shanghais. Denn die «Grünen Weiden Pjöngjangs» ist eines der wenigen nordkoreanischen Restaurants, in denen auch Kellnerinnen aus dem kommunistischen Nachbarland arbeiten.

Und wo ist das nordkoreanische Flair?

Verschiedene Bewertungen des Restaurants und Frau He selber bemerken, dass sich das Essen der «Grünen Weiden» nur unmerklich von südkoreanischen Lokalen unterscheidet. Das Essen sei auch eher durchschnittlich, und «dafür brauche man eigentlich nicht herzukommen», wie ein User bewertet.

Wofür das Lokal jedoch berühmt ist, folgt nach dem Essen: Ab 19 Uhr beginnt eine Sing- und Tanzshow, bei der die Kellnerinnen Blumen schwingend, singend und musizierend von der Schönheit Nordkoreas erzählen – in ihrer Landessprache, wohl gemerkt.

Die Aufführung scheint jedoch eher ältere Generationen anzusprechen: Während Frau Hes Tante, die zu Mao Zedongs Zeiten aufgewachsen war, die Show gerne aus Nostalgiegründen erlebt, erinnert sich Frau He an die regelmässigen Körperübungen, die jeweils während den Pausen im Schulhof durchgeführt wurden.

Nordkorea liegt im Detail

Das authentisch Nordkoreanische ist schliesslich im Detail zu entdecken, denn das Management des Restaurants teilen sich eine chinesische Managerin und ein nordkoreanischer Manager. Zudem gehört die Managerin selber zur nordkoreanischen ethnischen Minorität Chinas.

Auch die Belegschaft besteht aus nordkoreanischen und chinesischen Mitarbeiterinnen. Letztere vermögen auch die Liedtexte zu erklären, da die Nordkoreanerinnen selber meist nur rudimentäres Chinesisch beherrschen. Trotzdem sind auch chinesische Evergreens Teil des Gesangrepertoires.

Eine nordkoreanische Mini-Enklave

Auch die Herkunft der zehn nordkoreanischen Mitarbeiterinnen ist unüblich, denn sie stammen alle von der Universität Pjöngjang. Sie befinden sich im dritten Jahr des Studiengangs Touristik. Dieses verbringen sie im Ausland und zwar primär in kommunistischen oder ehemals kommunistischen Ländern. Das Leben im Auslandsjahr ist jedoch sehr kollektiv geprägt und scheint wenig Abwechslung zu bieten.

Die Studentinnen wohnen in einem grossen Zimmer nahe dem Restaurant. Neben der Arbeit verbringen sie die meiste Zeit dort, lesend oder Chinesisch lernend, jedoch ohne Zugang zu Fernseher, Handy, Radio oder einem Computer. Nur zweimal pro Monat werden sie gemeinsam vom Management zum Einkaufen geschickt.

Nach einem Jahr Arbeit, bei der sie keinen Lohn erhalten haben, beenden sie das letzte Studienjahr in Nordkorea. Die Mitarbeiterin En Ying ist dabei überzeugt, dass nach ihrer Rückkehr und ihrem Abschluss eine glänzende Zukunft auf sie wartet und ihr eine gute Arbeitsstelle zugeteilt wird.

Ein chinesisches Amateur-Video, dass eine Live-Performance zeigt, findet sich hier.

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