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Chinas Retro-Internet

Nichts geht mehr: Eine Anzeigetafel in Tianjin. (flickr/ Matthew Stinson)

Nichts geht mehr: Eine Anzeigetafel in Tianjin. (flickr/ Matthew Stinson)

Er ist veraltet, voller Sicherheitslücken und mehr als 10 Jahre alt. Er war der Standardbrowser für Windows XP  und wurde bereits von mehreren Nachfolgeversionen überholt. Microsoft startete deshalb seit März 2011 den «IE6 Countdown». Dieser verfolgt das Ziel, den veralteten IE 6 endgültig aus der Welt zu schaffen. Ein Blick auf die Karte zeigt jedoch, wo die grössten Hürden liegen: in China.

Etwas mehr als ein Jahr ist seit dem Kampagnenstart vergangen und immer noch hält sich der Browser hartnäckig in China. Wie eine Statistik der Suchmaschine Baidu zeigt, verwenden 60% aller chinesischen User den Internet Explorer. Die Version 6 nimmt die Hälfte davon ein. Anderweitig beliebte Browser wie etwa Firefox, Google Chrome oder Safari finden sich nur weit abgeschlagen auf den hinteren Plätzen, an zweiter Stelle steht der chinesische Browser Qihoo.

Was so gelb leuchtet, kann nur China sein: IE6-Verwendung weltweit. (ie6countdown.com)

Was so gelb leuchtet, kann nur China sein: IE6-Verwendung weltweit. (ie6countdown.com)

Geliebtes Windows XP

Ein Grund dafür scheint, dass Windows XP in verschiedenen  raubkopierten und eigenhändig angepassten Versionen immer noch auf chinesischen Computern dominiert. Baidus Statistik spricht gar von fast 78% aller User, die das alte Betriebssystem noch verwenden – Windows XP ist in Asien konkurrenzlos (Asienspiegel berichtete). Windows 7 verfügt hingegen über einen ausgereifteren Kopierschutz, womit viele wohl lieber bei der alten Version bleiben.

Ein anderer Grund besteht im mangelnden Bewusstsein für Updates. Viele sind sich der Sicherheitslücken nicht bewusst, die veraltete Software auf einem veralteten Betriebssystem darstellt. Zudem greifen viele Besitzer einer raubkopierten Version nicht auf die offiziellen Windows Updates zu, die auch neuere Browserversionen nachinstallieren. Das Misstrauen ist zu gross, dass dadurch die illegale Version des Betriebssystems von Microsoft entdeckt wird. Damit wird auch das von Microsoft erzwungene Browserupdate umgangen.

Ein allseits bekanntes Problem

Während grössere Konzerne wie Google ihre Unterstützung für den alten Browser aufgegeben haben, halten insbesondere Banken vielfach noch am alten Browser fest. Es wird moniert, dass sich der Umstieg sich zu aufwändig gestalte, da spezifische Applikationen, die auf IE6 ausgerichtet sind, neu geschrieben und bestehende Organisationsstrukturen angepasst werden müssten. Oft gilt auch das Credo «never change a running system» – was also bisher lief, soll nicht verändert werden. Gerade in Bezug auf Banken ist diese Resistenz gegen jegliche Browserupdates grob fahrlässig.

Bitte nur Internet Explorer - selbst die Bank of China besteht darauf.

Bitte nur Internet Explorer - selbst die Bank of China besteht darauf.

Auch chinesische Banken setzen noch ganz auf veraltete Betriebssysteme und Browser. Selbst die grösste staatliche Bank of China zwingt seine User, Internet Explorer zu verwenden. Durch die Dominanz werden die meisten chinesischen Websites nur mit IE6 geprüft, ohne sich um offizielle Standards (W3C) noch um andere Betriebssysteme zu kümmern. Fehldarstellungen, schlechte Programmierung, lange Ladezeiten und ähnliche Probleme mit aktuellen Browsern sind so an der Tagesordnung. Es bleibt nur zu hoffen, dass neuere, schnellere und ressourcenintensive Hardware Windows XP und damit auch IE6 von alleine aus der Welt schaffen wird.

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