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Chinas ewige Verlierer

Spielen bis zum Umfallen: Eine typische Beschäftigung für diaosi. (flickr/Tricia Wang)

Spielen bis zum Umfallen: Eine typische Beschäftigung für diaosi. (flickr/Tricia Wang)

Ihr Einkommen ist niedrig und sie gehen einer eintönigen, harten, aber wenig anspruchsvollen Arbeit nach, arbeiten in Internetcafés, als Türöffner, auf Baustellen oder sind gar arbeitslos. Ihre Aussicht auf eine Liebesbeziehung oder eine Heirat tendiert gegen Null und das Internet ist ihr liebster Ort. Sie sind vielleicht das, was man in China die «99 Prozent» nennen könnte: Diaosi (chin. 屌丝).

Sie sind diejenigen, die einen Grossteil der jungen Chinesen ausmachen und doch nie in den Medien erscheinen. Denn dort tauchen primär die «grossen, reichen und gut aussehenden» Chinesen auf, Kaderkinder oder Kinder reich gewordener Eltern, im Gegensatz zu den «armen, hässlichen und klein gewachsenen» Diaosi, wie sie deren landläufige Gegenüberstellung beschreibt.

Primär männlich, mit Ausnahmen

Diaosi sind sozusagen «soziale und ökonomische Verlierer», die über ein zu geringes Selbstwertgefühl und über zu wenig Willenskraft verfügen, ihr Leben zu ändern. Ein diaosi steht also ewig auf der Verliererseite. Doch die Verwendung des Begriffs durchlief einen ähnlichen Prozess wie die westlichen Begriffe geek oder nerd. Sie sind das Pendant zu den japanischen Grasfessern (Asienspiegel berichtete).

Zunächst war es eine spöttische und abschätzige Fremdbezeichnung, doch mittlerweile ist diaosi nur noch bedingt negativ besetzt: Wer sich selbst so bezeichnet, tut dies aus mildem Gespött über sich selber und zeigt, dass er über sein Leben ohne Zukunftsperspektive lachen kann.

Wie die Beschreibung impliziert, verweist diaosi primär auf junge Männer. Doch offenbar gibt es auch weibliche Versionen davon, Nü Diaosi (chin. 女屌丝). So wurde die deutsche Serie «Knallerfrauen», die im chinesischen Internet offenbar sehr beliebt ist, von den Usern selber mit Nü diaosi übersetzt.

Eine seltsame Etymologie

Am Anfang des Wortes stand ein bekannter chinesischer Fussballer, Li Yi 李毅, und seine Fangruppe auf einem Themenforum von Baidu. Mitglieder eines anderen Forums machten sich über die «Fans von Yi» (chin. yisi 毅丝) lustig und nannten sie spöttisch diaosi (chin. 屌丝), «Penis-Fans», und damit, in weiterer Bedeutung, «Penis-Schamhaar». Die «Fans von Yi» adoptierten wiederum das Wort und verwendeten es vielmehr als amüsierte Selbstbezeichnung.

Diaosi entwickelte daraufhin ein Eigenleben im chinesischen Internet und wird in seiner Bedeutung mittlerweile von zahlreichen chinesischen Medien diskutiert (etwa hier). Doch das Chinesische liebt Sprachspiele über ähnlich klingende Wörter. So spielt eine ähnliche Verschriftung, diaosi (chin. 吊丝), auch noch viel direkter auf die Verlierer der Gesellschaft an. Denn wem keine Zukunft offen bleibt, kann auch zur letzten Möglichkeit greifen: Dies wäre diaosi (chin. 吊死), «sich erhängen».

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