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Die entmachteten Medien

Was drin steht, interessiert niemand: Zeitungen in China. (flickr/VinCross)

Was drin steht, interessiert niemand: Zeitungen in China. (flickr/VinCross)

Wie Asienspiegel bereits in Bezug auf andere Ereignisse berichtete (hier und hier), gewinnen die sozialen Medien in China grosses Gewicht in der öffentlichen Meinungsbildung. Entsprechend erhöht die Regierung die Kontrolle, was und wie über Microblogging-Dienste und klassische Blogs geschrieben und veröffentlicht werden kann. Dies erfolgt etwa, indem eigene Accounts nur über den persönlichen Namen registriert und freigeschaltet werden können (shiming zhi 实名制, mehr dazu hier).

Trotzdem gewinnen soziale Medien als für die Benutzer verlässliches Medium immer grösseres Gewicht. Ein Kommentar des Redakteurs Cao Lin in der Zhongguo qingnian bao bestätigt diese Tendenz: Die neuen sozialen Medien laufen den klassischen Medien den Rang ab, zu denen auch Parteizeitungen wie die Renmin ribao sowie grosse Zeitungen und Zeitschriften gehören.

Diese werden stark marginalisiert sowie ihrer Diskursmacht und Initiative beraubt, wie Cao schreibt. Ehemalige, als marginal und unwichtig verschrieene Medien – wie etwa Internetforen, Blogs und Mikrobloggingdienste– stellen zunehmend die primären Informationsmedien und vor allem vertrauenswürdige Informationsquellen für die Bevölkerung dar.

Das Grosse Schweigen

Der Artikel zitiert neueste Ereignisse jedoch nicht als explizites Beispiel, doch ein Artikel von BBC Chinese weist darauf hin: «Oft ereignen sich seltsame Dinge, und einige Vorkommnisse rufen heftige Diskussion im Internet hervor. Auf den Mikroblogging-Diensten finden sich dann Bilder und Tonaufnahmen, es gibt Augenzeugenberichte und solche von Betroffenen, doch in den klassischen Medien findet sich nicht einmal ein halber Satz», wie Cao Lin seinen Kommentar beginnt.

Damit spielt er implizit auf die Demonstrationen in Shifang (Provinz Sichuan) Anfang Juli an. Die Bewohner protestierten friedlich gegen eine geplante Kupferraffinerie, doch die Polizei ging unter hoher, unverhältnismässiger Gewaltanwendung gegen die Demonstrierenden vor. Medial abgedeckt wurden die 3-tägigen, gewalttätig unterdrückten Proteste primär durch soziale Medien, nur wenige chinesische Zeitungen wagten, vorsichtig darüber zu berichten. Denn für die offiziellen Medien gilt immer: bao hao, bu bao huai 报好不报坏, Gutes berichten und nichts Schlechtes.

Das mediale Gegenteil

Das Beispiel zeigt auf, wie die Position der offiziellen und inoffiziellen Medien sich ins Gegenteil verkehrt. Was vormals als «Non-Mainstream» galt, entwickelt sich zum zentralen Mittel zur Bildung der öffentlichen Meinung. Währenddessen hüllen sich die ehemals klassischen Medien in Schweigen und «geben vor, sie würden nichts sehen».

Die Initiative zur Berichterstattung über sensible Ereignisse liegt nun bei den Internetbenutzern, selbst wenn das, was später von offizieller Seite als «Gerücht» oder ähnliches abgeschrieben wird, der Tat und Wahrheit entspricht. «Wenn es die Papiermedien nicht beachten, werden es die Internetmedien tun», bestätigt Cao. Gleichzeitig hat die Bevölkerung das Vertrauen in jene Medien verloren – und damit auch in die Regierung.

Zensur greift ein

Je mehr jedoch die Probleme überdeckt werden, desto eher droht die Gefahr, dass einem die Kontrolle über diese entgleitet, warnt Cao. Gerade auch die Unterdrückung einer alternativen öffentlichen Meinung bestärkt diese nur in ihrer Polarisierung.

Trotzdem scheint die Kontrolle des Internets und damit einer alternativen Berichterstattung weiter zuzunehmen: Am 9. Juli wurde publik, dass die chinesischen Zensurbehörden die Regeln für Internetvideos weiter verschärfen. Alle Anbieter von Videos müssen diese neuerdings zuerst prüfen, bevor sie sie online stellen (mehr hier). Ob dies als Reaktion auf die Shifang-Proteste geschah, wird nicht erwähnt.

Mehr zu Shifang:

  • Ein böser Comic beschreibt das Vorgehen der Polizei, übersetzt auf China Digital Times (Englisch)
  • Eine Sammlung von den Internetbildern zu den Shifang-Protesten finden sich hier (Achtung: Darstellung von Verletzten).

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