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New York geht nach China

Die Titelseite der chinesischen New York Times vom 1. Juli.

Die Titelseite der chinesischen New York Times vom 1. Juli.

Am 28. Juni ging die chinesische Ausgabe der NY Times online. Die Niuyue shibao 纽约时报, wie sie auf Chinesisch heisst, richtet sich nach eigenen Worten an eine «gebildete, wohlhabende Mittelschicht und Weltbürger». Diesen möchte sie eine qualitativ hochstehende Berichterstattung in internationalen, wirtschaftlichen und kulturellen Belangen auf Chinesisch bieten. Die Inhalte setzten sich aus übersetzten Artikeln ins Chinesische, aber auch aus genuin chinesischen Artikeln zusammen.

Die bislang aufgeschaltete Seite ist eine erste Beta-Version, wie die englische NY Times erklärt, und soll in den kommenden Monaten weiter anwachsen. Trotzdem bleibt der Erfolg der chinesischen Ausgabe in China selbst ungewiss.

Festhalten an den eigenen journalistischen Richtlinien

Denn selbst wenn Chinas Regierung die Medieninhalte streng kontrolliert, so bekräftigt die NY Times ihre Absicht, an ihrer üblichen Form und Qualität der Berichterstattung festzuhalten und sich nicht deren Vorgaben anzupassen. Darüber hinaus liegen die Server, auf denen die Inhalte erscheinen, ausserhalb Chinas. Es könnte also durchaus sein, dass die chinesische NY Times ein ähnliches Schicksal wie die BBC Chinese ereilt: Werden über sensitive Themen berichtet, sind die betreffenden Artikel oder gleich die ganze Seite nicht mehr aus dem Inland abrufbar.

Trotzdem trifft die chinesische Ausgabe auf ein höchst aufmerksames Publikum: Innerhalb eines Tages folgten bereits 10’000 Personen dem Weibo-Account der NY Times, wie die BBC Chinese noch am 28. Juni berichtete. Mittlerweile informiert eine Meldung die Weibo-User, «beim Aufruf der Seite ist ein Fehler aufgetreten und kann temporär nicht angezeigt werden». Die Seite ist also bereits gesperrt worden.

Schon nach einem Tag blockiert: die Mikroblogging Seite der NY Times unter weibo.com/nytchinese.

Schon nach einem Tag blockiert: die Mikroblogging Seite der NY Times unter weibo.com/nytchinese.

Sperrung oder Selbstzensur?

Viele User befürchten denn auch, dass die chinesische NY Times von China aus bald nicht mehr zugänglich sein wird. «Gestern ging sie online, heute starb sie in voller Fahrt», moniert ein User die Weibo-Sperrung. «Alles Gute, liebe NY Times … wann wird die Seite wohl ausgesperrt», fragt etwa ein User, ein anderer sieht die Sperrung unmittelbar bevorstehend. Die Gefahr zur Selbstzensur, um trotzdem auf dem Festland zugänglich zu sein, befürchten viele, wie BBC Chinese ebenfalls erwähnt.

Würde die Seite gesperrt, bliebe den vielen Usern nur noch eine Alternative, die sie bereits für BBC Chinese und anderen, in China gesperrten Seiten anwenden: fanqiang 翻墙, «über die Mauer steigen». Per Proxy, VPN oder über andere Mittel können so auf Seiten ausserhalb Chinas zugegriffen werden. Die Verbindung ist jedoch alles andere als zuverlässig und die Geschwindigkeit oft so langsam, dass nebenher problemlos Zeitung gelesen werden kann. Zur Abwechslung von der Regierung anerkannte Inhalte.

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