Auzusg: You­tubePro­fes­sor Tatsu­hi­ko Koda­ma wäh­rend sei­ner berühm­ten Rede.

Pro­fes­sor Tatsu­hi­ko Koda­ma war wütend. «70’000 Men­schen sind zur Eva­ku­ie­rung gezwun­gen und was macht eigent­lich das Par­la­ment?», schrie er ganz am Ende ins Mikro­fon. Sein Publi­kum war kein wüten­der Mob, son­dern die Kom­mis­si­on für Gesund­heit des japa­ni­schen Unter­hau­ses. Koda­ma ist Vor­ste­her des Radio­iso­to­pen-Zen­trums der renom­mier­ten Uni­ver­si­tät Tokio, das sich mit Radio­ak­ti­vi­tät und all ihren Fol­gen beschäf­tigt. Über 27 Zen­tren hat er die Lei­tung inne.

Der Pro­fes­sor und Arzt für inter­ne Medi­zin weiss, wovon er spricht. Seit der Kata­stro­phe vom 11. März ist Koda­ma mit Hoch­druck an der Arbeit. Ein Team sei­nes Zen­trums war schon meh­re­re Male zu Dekon­ta­mi­nie­rungs­ar­bei­ten in Mina­m­i­so­ma, eine Stadt, die gera­de noch aus­ser­halb der Eva­ku­ie­rungs­zo­ne von Fuku­shi­ma liegt. Als Exper­te wur­de er des­we­gen vor die Kom­mis­si­on geladen.

16 Minu­ten sprach Koda­ma Ende Juli in einer fast schon erschla­gen­den Kom­pe­tenz über die Aus­wir­kun­gen des AKW-Unfalls. Und nie­mand tat es bis­lang in die­ser Lei­den­schaft. In Japan kennt man ihn als einen For­scher, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Sei­ne Regie­rungs­kri­tik kommt an, sei­ne direk­te Wort­wahl eben­falls: «Als Kabi­netts­se­kre­tär Yukio Eda­no von kei­ner unmit­tel­ba­ren Gesund­heits­ge­fähr­dung sprach, schwan­te mir böses», waren sei­ne ein­lei­ten­den Worte.

Besorg­nis­er­re­gen­de Fakten

«Von der Regie­rung oder Tep­co gibt es bis heu­te kei­nen Bericht dar­über, wie viel radio­ak­ti­ves Mate­ri­als aus Fuku­shi­ma bis­lang aus­ge­tre­ten ist», fuhr er sicht­lich auf­ge­regt fort. Den Mess­re­sul­ta­ten des Radio­iso­to­pen-Zen­trums zufol­ge, ist die Lage besorg­nis­er­re­gend. «Beim AKW-Unfall von Fuku­shi­ma ist 29,6 Mal soviel Radio­ak­ti­vi­tät aus­ge­tre­ten wie bei der Bom­be von Hiro­shi­ma. Was das Ura­ni­um betrifft, sind es 20 Mal soviel», sag­te Koda­ma. Als wären dies nicht schon genug unge­müt­li­cher Nach­rich­ten füg­te er hin­zu: «Die aus­ge­tre­te­ne Radio­ak­ti­vi­tät einer Atom­bom­be ver­rin­gert sich nach einem Jahr auf einen Tau­sends­tel ihres ursprüng­li­chen Wer­tes. Bei einem Kern­kraft­werk liegt die­se Zahl ledig­lich bei einem Zehntel.»

Koda­ma setz­te in der Fol­ge zu einer aus­führ­li­chen Erklä­rung an und räum­te mit gän­gi­gen Kli­schee­vor­stel­lun­gen auf. Durch die Kern­schmel­ze sei eine hohe Men­ge an fei­nen radio­ak­ti­ven Par­ti­keln aus­tre­ten. Dabei wür­den sich die Par­ti­kel nicht in kon­zen­tri­schen Krei­sen, son­dern der Wet­ter­la­ge ent­spre­chend ver­tei­len. Ob die Eva­ku­ie­rungs­zo­ne nun auf einen Radi­us von 20 oder 30 Kilo­me­ter fest­ge­legt wer­de, sei daher egal.

Doch die Regie­rung zie­he es lie­ber vor, die Kin­der in Bus­sen aus der 20 bis 30-Kilo­me­ter-Zone in wei­ter ent­fern­te Gebie­te zu fah­ren, wo manch­mal die Radio­ak­ti­vi­tät noch höher sei. «Tat­sa­che ist, dass 70 Pro­zent der Schu­len von Mina­m­i­so­ma, das gera­de am Meer liegt, eine rela­tiv tie­fe Strah­lung vorweisen.»

Die Kri­tik an den Behörden

Eine ver­läss­li­che Mes­sung müs­se daher Prio­ri­tät haben, so Koda­ma. Die­se wird aber von den Behör­den schein­bar kom­plett ver­nach­läs­sigt. «Als wir im Mai nach Mina­m­i­so­ma gin­gen, gab es nur einen Gei­ger­zäh­ler», kri­ti­sier­te Koda­ma vor der Kom­mis­si­on. «Wir müs­sen dafür sor­gen, dass eine ver­läss­li­che radio­ak­ti­ve Mes­sung in den Kri­sen­ge­bie­ten vor­ge­nom­men wird.» Die Regie­rung müs­se zudem die moderns­ten Mess­ge­rä­te bei Boden-, Was­ser- und Lebens­mit­tel­kon­trol­len verwenden.

«Wes­halb gibt die japa­ni­sche Regie­rung nicht mehr Geld dafür aus?» frag­te Koda­ma. «Selbst nach 3 Mona­ten hat sie abso­lut nichts getan, mein gan­zer Kör­per bebt vor Wut!» Die ver­hee­ren­den Kon­se­quen­zen die­ser Poli­tik hät­ten inzwi­schen alle Japa­ner zu spü­ren bekom­men. Das ver­strahl­te Reis­stroh, die Rin­dern zum Fut­ter vor­ge­legt wur­den, sei nur ein Bei­spiel dafür (Asi­en­spie­gel berich­te­te).

Koda­mas gröss­te Sor­ge gilt den Kin­dern. Gera­de sie sei­en am anfäl­ligs­ten auf Krebs­er­kran­kun­gen. Nur regel­mäs­si­ge Mes­sun­gen, eine per­ma­nen­te Dekon­ta­mi­nie­rung der betrof­fe­nen Gebie­te und eine indi­vi­du­el­le medi­zi­ni­sche Betreu­ung könn­ten das Risi­ko min­dern. Es mache kei­nen Sinn, über kau­sa­le Zusam­men­hän­ge zwi­schen Strah­lung und erhöh­ter Erkran­kun­gen zu debat­tie­ren. Bis Krebs ent­steht kann es in vie­len Fäl­len 20 bis 30 Jah­re dauern.

Die Sofort­mass­nah­men

Sofort­mass­nah­men will Koda­ma. Er for­dert, dass die Behör­den mit den moderns­ten ver­füg­ba­ren Gerä­ten die Strah­lung im Boden, Essen und Was­ser kon­se­quent mes­sen und per­ma­nen­te Dekon­ta­mi­nie­rungs­ar­bei­ten kon­se­quent an die Hand neh­men. Zudem ver­langt er neue Geset­ze, die Kin­der vor zu hoher Strah­lung schüt­zen, damit die Behör­den nicht irgend­wel­che belie­bi­ge Grenz­wer­te set­zen kön­nen (Asi­en­spie­gel berich­te­te) und den spe­zia­li­sier­ten Zen­tren die Ent­sor­gung und Hand­ha­bung von mehr radio­ak­ti­vem Mate­ri­al erlaubt. Sein Team habe dies­be­züg­lich bereits gegen das Gesetz ver­stos­sen müs­sen, um betrof­fe­ne Anwoh­ner in Mina­m­i­so­ma vor schlim­me­rem zu bewah­ren. Aus­ser­dem soll in Fuku­shi­ma ein Zen­trum für Dekon­ta­mi­nie­rung errich­tet und der Pri­vat­sek­tor mit all sei­nem tech­ni­schen Know­how bes­ser ein­ge­bun­den wer­den. «Das wärs», schloss Pro­fes­sor Koda­ma. Eine hal­be Mil­li­on Mal wur­de sei­ne Rede auf You­tube inzwi­schen angeschaut.