Tho­mas Köh­ler ist von der Nord­spit­ze Hok­kai­dos bis zur Süd­spit­ze Kyus­hus mar­schiert. 2900 Kilo­me­ter hat er zwi­schen August und Dezem­ber zu Fuss zurück­ge­legt, «um posi­ti­ve Signa­le aus Japan zu sen­den und zu zei­gen, dass hier nicht alles Fuku­shi­ma ist.» Denn Japan ist noch immer eine Rei­se wert, ist Rei­se­fach­mann Köh­ler mehr denn je über­zeugt. In einem Blog hält er sei­ne täg­li­chen Erleb­nis­se fest. Und auch für Asi­en­spie­gel bloggt Tho­mas Köh­ler über die Rei­se sei­nes Lebens.

Foto: Tho­mas Köh­lerAm Ziel der Träu­me: Nach 2900 Kilo­me­ter bin ich am Kapa Sata angekommen.

Genau am 31. Dezem­ber 2011 um 11.30 Uhr bin ich an mei­nem Ziel, dem süd­lichs­ten Punkt der Insel Kyus­hu ange­kom­men. 2900 Kilo­me­ter habe ich zu Fuss hin­ter mich gebracht. Es waren auf­re­gen­de, auf­wüh­len­de, emo­tio­na­le und vor allem wun­der­schö­ne Zei­ten! Ich wünsch­te die Rei­se wür­de für immer weitergehen.

Doch noch ein­mal spu­le ich kurz die Zeit zurück. Anfang Dezem­ber war ich end­lich in der his­to­ri­schen Stadt von Shi­mo­no­se­ki ange­kom­men. Hier wur­de am 17. April 1895 mit einer Ver­trags­un­ter­zeich­nung der sino-japa­ni­sche Krieg been­det. Noch heu­te ste­hen die Gebäu­de aus einer ande­ren Zeit in der Hafen­stadt. Es war ein japa­ni­scher Tri­umph, der spä­ter teu­er zu ste­hen kom­men sollte.

Foto: Tho­mas Köh­lerMit Blick auf Kyus­hu: Mit­suhi­de Ushi­ji­ma begrüsst mich in Shimonoseki.

IN DER STADT DER KUGELFISCHE

Die­se Zei­ten sind glück­li­cher­wei­se schon lan­ge vor­bei. Heu­te ist die Stadt an der süd­west­li­chen Spit­ze der Haupt­in­sel Hons­hu berühmt für ihren Hafen, Han­del und die Fische­rei. Von hier aus kann man mit dem Schiff ins süd­ko­rea­ni­sche Pusan able­gen und vor allem den bes­ten Kugel­fisch des Lan­des geniessen.

Foto: Tho­mas Köh­lerIn der Stadt der Kugelfische.

Der Kugel­fisch (jap. Fugu) ist über­all und in jeder Form in der Stadt prä­sent. Auch ich habe mir eine köst­li­che Por­ti­on rohen Fugu geneh­migt, bevor ich mich auf den Weg zur süd­li­chen Insel Kyus­hu auf­mach­te. Das ist übri­gens ganz ohne Fäh­re oder Auto mög­lich. Unter der Kan­mon-See­stras­se führt auch ein Tun­nel für Fuss­gän­ger. An der Prä­fek­tur­gren­ze unter dem Meer wur­de ich von den Tou­ris­mus­ver­ant­wort­li­chen von Fuku­o­ka begrüsst.

Foto: Tho­mas Köh­lerSchnell mal auf die ande­re Insel: Der Unter­was­ser-Tun­nel für Fussgänger.

BESCHWER­LI­CHE TAG

Die letz­te Stre­cke in Kyus­hu nahm ich schliess­lich ent­lang der Ost­küs­te am Pazi­fik in Angriff. Damit ver­ab­schie­de­te ich mich vom Japan-Meer, das über fünf Mona­te mein treu­er Beglei­ter gewe­sen war. Es ver­ging kein Tag, als mich bereits die ers­ten Men­schen freund­lich frag­ten, ob ich der Schwei­zer sei, der durch Japan gehe. Er lese jeden Tag mei­nen Blog, bestä­tig­te mir ein Japa­ner. Es waren Momen­te, die mich immer spe­zi­ell erfreuten.

Auf der letz­ten Etap­pe, nach über 2400 Kilo­me­tern, schmer­zen auch die Füs­se und die Knie. Mir wur­de kör­per­lich und auch geis­tig bewusst, was für einen Kraft­akt ich hin­ge­legt hat­te. Jeden Tag 20 bis 30 Kilo­me­ter wäh­rend 5 Mona­ten, da sehnt man sich irgend­wann ein­mal nach einem kusche­li­gen Sofa. Wenn mir dann ein­fällt, dass die Men­schen im Kri­sen­ge­biet sich seit 9 Mona­ten abschuf­ten für bes­se­re Tage, dann erscheint mein Weg wie­der­um wie ein Klacks.

Foto: Tho­mas Köh­lerKein Unbe­kann­ter: Tho­mas Köh­ler in Kyushu.

Glück­li­cher­wei­se beglei­te­te mich zwi­schen­durch auch noch Chris­ti­an Frei. Wir wohn­ten zehn Jah­re lang am glei­chen Ort in Win­ter­thur in der Schweiz. Es waren reg­ne­risch, kal­te Tage, die wir zusam­men ver­brach­ten. Nichts­des­to­trotz hat­ten wir unse­ren Spass und auch Chris­ti­an bekam die Herz­lich­keit und die Gast­freund­schaft der Men­schen zu spüren.

Foto: Tho­mas Köh­lerUnter­wegs mit Chris­ti­an Frei.

DREH­AR­BEI­TEN ZUR DOKU

In der Prä­fek­tur Oita mach­te ich dann noch ein­mal eine spe­zi­el­le Erfah­rung. Ein Film­team aus der Schweiz und New York beglei­te­te mich wäh­rend drei Tagen. Inter­views und viel Wan­dern waren ange­sagt. Die Dreh­ar­bei­ten zum Doku­men­tar­film sind inzwi­schen fast abge­schlos­sen, die Pro­duk­ti­on voll am Lau­fen. Es waren Tage mit äus­serst emo­tio­na­len Begeg­nun­gen. Ich freue mich auf die Pre­mie­re des Dokumentarfilms!

Vol­ler Kraft und Moti­va­ti­on nahm ich die letz­ten Kilo­me­ter in Angriff. Wun­der­schö­ne Land­schaf­ten und blau­er Him­mel waren mei­ne stän­di­gen Beglei­ter. Auch die Tem­pe­ra­tu­ren waren hier im Süden mil­de. Noch ein­mal konn­te ich in mei­nem lieb gewon­nen Zelt über­nach­ten. Nach 2900 Kilo­me­tern kam ich schliess­lich auf Kapa Sata an. Es war ein unbe­schreib­li­cher Moment.

Foto: Thom Pictures/​Asi­en­spie­gelEine Sze­ne aus dem Doku­men­tar­film über mei­ne Reise.

EINE UNVER­GESS­LI­CHE REISE

Kyus­hu bedeu­te­te für mich neben all den kör­per­li­chen Stra­pa­zen aber auch Genuss. Noch ein­mal wur­de mir auf den letz­ten 500 Kilo­me­tern bewusst, dass ich nicht umsonst die­se Rei­se Anfangs August in Angriff genom­men hat­te. Ich habe gelernt, bewegt, beob­ach­tet, erfah­ren, gelä­chelt und dafür viel Herz­lich­keit und Emo­tio­nen erhal­ten. Ja, es war die Rei­se mei­nes Lebens. Doch mein Weg für Japan ist noch lan­ge nicht zu Ende, denn ein Ende ist der Anfang einer neu­en Geschichte!

Foto: Tho­mas Köh­lerTraum­haf­te Landschaften.