Sayo­na­ra Atomausstieg

flickr/​San­do­CapDer Atom­aus­stieg bleibt in wei­ter Fer­ne: Ein Anti-AKW-Pla­kat in Tokio.

Eigent­lich woll­te die japa­ni­sche Regie­rung bis spä­tes­tens 2040 aus der Atom­ener­gie aus­stei­gen. So sah es der Plan eines Regie­rungs­aus­schus­ses aus (Asi­en­spie­gel berich­te­te). Der Zeit­raum war gross­zü­gig geplant, zu gross­zü­gig und zu vage in den Augen vie­ler. Doch immer­hin sprach erst­mals eine Regie­rung offi­zi­ell von einem Ausstieg.

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Nur weni­ge Tage kommt der Rück­zie­her. Stra­te­gie­mi­nis­ter Moto­hi­sa Furu­ka­wa betont zwar, dass man an der Poli­tik der För­de­rung erneu­er­ba­rer Ener­gi­en fest­hal­ten wer­de. Von einem Atom­aus­stieg bis 2040 ist gemäss neus­ter Les­art der Regie­rung nichts mehr übrig.

In einer Kabi­netts­mit­tei­lung heisst es gemäss Mai­ni­chi Shim­bun nun ledig­lich, dass «die Regie­rung die Ener­gie­stra­te­gie durch stän­di­ges Über­prü­fen und kon­trol­lie­ren fle­xi­bel hand­ha­ben wird». Die letz­te Woche prä­sen­tier­te Stra­te­gie sol­le ledig­lich als Refe­renz­punkt die­nen. Vie­les erin­nert an die Aus­sa­ge des dama­li­gen Pre­mier­mi­nis­ters Nao­to Kan, der den Traum einer Gesell­schaft frei von Kern­kraft­wer­ken for­mu­lier­te, um nur einen Tag spä­ter von sei­nem Kabi­nett kor­ri­giert zu wer­den (Asi­en­spie­gel berich­te­te).

Die star­ke Wirtschaftslobby

Bereits am Wochen­en­de zeig­te die Absicht von Wirt­schafts­mi­nis­ter Yukio Eda­no, die seit Fuku­shi­ma gestopp­ten Bau­ar­bei­ten an 3 AKW fort­zu­füh­ren, wie inkon­sis­tent der for­mu­lier­te Atom­aus­stieg war (Asi­en­spie­gel berich­te­te). Die Sor­ge, die Wirt­schafts­kli­en­tel zu ver­grau­len, schien offen­bar zu gross.

Mit dem neus­ten Kabi­netts­ent­scheid hat sich die Regie­rung der Wirt­schafts­lob­by end­gül­tig gebeugt. «Die Regie­rung hört der Geschäfts­welt über­haupt nicht zu», empör­te sich Hiro­ma­sa Yone­ku­ra, Prä­si­dent des ein­fluss­rei­chen Wirt­schafts­ver­ban­des Keid­an­ren, als er letz­te Woche die Nach­richt vom Atom­aus­stieg ver­nom­men hat­te. Die Auto­bran­che warn­te gar vor Arbeitsplatzverlusten.

Nur weni­ge Tage spä­ter zeigt sich Yone­ku­ra hoch erfreut: «Der erklär­te Atom­aus­stieg bis in die 2030er-Jah­re ist vom Tisch.» Die Inter­es­sen der Wirt­schaft ste­hen im tota­len Gegen­satz zu denen der Bevöl­ke­rung. Denn der Gross­teil for­dert bis spä­tes­tens 2030 den Atomausstieg.

Das nuklea­re Dorf

Inzwi­schen hat Pre­mier­mi­nis­ter Yoshi­hi­ko Noda auch die neue 5-köp­fi­ge nuklea­re Regu­lie­rungs­be­hör­de ein­ge­setzt, die unab­hän­gig über die Sicher­heit und das Wie­der­hoch­fah­ren der Atom­kraft­wer­ke ent­schei­den soll. Im Gegen­satz zur frü­he­ren Nukle­ar­kom­mis­si­on ist sie nicht dem Wirt­schafts-, son­dern dem Umwelt­mi­nis­te­ri­um unterstellt.

Prä­si­dent der neu­en Atom­auf­sicht ist Shu­ni­chi Tan­a­ka. Das Par­la­ment hat­te sei­ne Ernen­nung ver­wei­gert. Denn der 67-Jäh­ri­ge ist ehe­ma­li­ger Vize-Prä­si­dent der Japa­ni­schen Atomenergiebehörde.

Er sei damit ein klas­si­sches Mit­glied des «Nuklea­ren Dor­fes». Damit sind in Japan die Exper­ten gemeint, sich eng mit der Atom­lob­by ver­ban­delt sind. Der aus Fuku­shi­ma stam­men­de Tan­a­ka betont jedoch, nur flüch­ti­ge Bezie­hun­gen zur Bran­che zu pfle­gen und unab­hän­gig han­deln zu wollen.

Erzwun­ge­ne Ernennung

Wei­ter wird kri­ti­siert, dass mit Kayo­ko Naka­mu­ra (Japan Radio­iso­to­pe Asso­cia­ti­on) und Toyo­shi Fuketa (Japa­ni­sche Atom­ener­gie­be­hör­de) zwei wei­te­re Mit­glie­der der neu­en Regu­lie­rungs­be­hör­de aus «dem nuklea­ren Dorf» stam­men. Die ande­ren 2 Mit­glie­der sind Ken­zo Oshi­ma, Ex-Bot­schaf­ter der UNO, und Kuni­hi­ko Shi­ma­za­ki von der Erdbebenvorhersage.

Noda hat die Mit­glie­der wegen der Ver­wei­ge­rung der Par­la­ments­mehr­heit per Regie­rungs­be­schluss ernannt. Es scheint so, als habe in Japan die Wirt­schafts- und Atom­lob­by die Zügel wie­der fest in den Hän­den – zumin­dest bis zu den nächs­ten Neuwahlen.

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