«Bist Du ein Hafu?»

Der Doku­men­tar­film «Hafu» (im Asi­en­spie­gel-Shop erhält­lich) befasst sich mit den Men­schen, die einen japa­ni­schen und einen aus­län­di­schen Eltern­teil haben. In Japan wer­den sie Hafu» genannt. Wie erle­ben die­se Per­so­nen ihr Leben in Japan? Der Film prä­sen­tiert viel­fäl­ti­ge Ant­wor­ten. Asi­en­spie­gel-Grün­der Jan Knü­sel schreibt im Fol­gen­den über sei­ne ganz per­sön­li­che Hal­tung zu die­sem Begriff.

Aus dem Film «Hafu»: Davids Mut­ter ist aus Gha­na, sein Vater aus Japan.

Bei der Lek­tü­re der Japan Times bin ich kürz­lich auf einen Arti­kel von Ryan Sur­dick gestos­sen, dem es gelun­gen ist, ein alt bekann­tes Pro­blem tref­fend zu beschrei­ben. «Mein Sohn ist mehr als nur ein ‹Hal­ber›» heisst der Titel frei über­setzt auf Deutsch. Er the­ma­ti­siert dabei den Umgang der Japa­ner mit Men­schen, die einen japa­ni­schen und einen aus­län­di­schen Eltern­teil haben.

«Hafu», vom eng­li­schen Wort «half» kom­mend, nennt man sie. Halb-Japa­ner, Halb-Aus­län­der. Im Gegen­satz zum Deut­schen kann «hafu» ganz allei­ne für sich ste­hen. Ein «Hal­ber» also. Sur­dicks ein­jäh­ri­ger Sohn Ken­ji ist auch ein «Hafu» und auf die­se Art schau­en die Japa­ner ihn an. Sät­ze wie «Yap­pa­ri, hafu ga kawaii» («Die Hal­ben sind schon süss!») oder «Hafu no me ga okii» («Die Augen der Hal­ben sind gross!») muss sich der Vater täg­lich anhören.

Nicht böse gemeint

Die Japa­ner ver­wen­den sol­che Aus­drü­cke übri­gens als Kom­pli­ment. «Hafu» zu sein ist gut. Von einem «Hafu» hat man die Vor­stel­lung, dass er mehr­spra­chig ist, ein biss­chen exo­tisch aus­sieht, aber den­noch nicht so exo­tisch ist, dass es in einem Japa­ner die Unsi­cher­heit vor dem Frem­den aus­löst. Ja, «Hafu» kön­nen berühmt wer­den in Japan, und aus­ser­dem lässt sich das Wort ganz nach dem japa­ni­schen Geschmack leicht und geschmei­dig aussprechen.

Dass es aber auch «Hafu» gibt, die in Japan auf­ge­wach­sen sind und kein Eng­lisch spre­chen, dar­an denkt nie­mand. «Hafu» ist zu einer eth­ni­schen Bezeich­nung ver­kom­men. Man wird damit in einen Topf vol­ler fixer Vor­stel­lun­gen und Vor­ur­tei­le gewor­fen. «Ach ja, Du meinst den Hafu?» heisst es dann oft. Sich den Namen jener Per­son zu mer­ken? Überflüssig.

Wie sich das für ein Kind anfühlt, das einen aus­län­di­schen Eltern­teil besitzt, aber das gan­ze Leben in Japan auf­ge­wach­sen ist und sich ent­spre­chend zu 100 Pro­zent als Japa­ner fühlt? Sind die­se Men­schen nur «hal­be» Mit­glie­der der Gesellschaft?

Der «Misch­ling»

Ich selbst kann mich in die­se Situa­ti­on gut hin­ein­ver­set­zen. Als Sohn einer Viet­na­me­sin und eines Schwei­zers wur­de ich in mei­ner Kind­heit in der Schweiz wie selbst­ver­ständ­lich als «Misch­ling» oder fran­zö­sisch als «métis» bezeich­net. «Misch­ling»? Das tönt für mich mehr nach Hun­de­zucht als nach Mensch. Ein gräss­li­cher Ausdruck.

Viet­na­me­sisch spre­che ich lei­der nicht. Nach etli­chen Stun­den im Sprach­kurs habe ich die­ses Pro­jekt auf Eis gelegt. Wes­halb? Weil ich dabei sowie­so nichts rich­tig mache. In Viet­nam lachen sie gewöhn­lich über mei­ne schlech­te Aus­spra­che oder sie fra­gen sich erstaunt, wes­halb ich denn nicht bes­ser Viet­na­me­sisch kön­ne. Wür­de ich per­fek­tes Viet­na­me­sisch beherr­schen, wür­de das auf­grund mei­ner Her­kunft wie­der­um als eine Selbst­ver­ständ­lich­keit aufgefasst.

Etwas sein und es doch nicht sein. Ich ken­ne die Situa­ti­on jedes «Hafu» nur zu gut.

Der «Gai­jin»

Mei­ne Befrei­ung war Japan. Das Land hat­te mich schon immer fas­zi­niert, der Schritt zum Japa­nisch-Stu­di­um war die logi­sche Fol­ge. Plötz­lich wur­de es geschätzt, dass ich die Spra­che ler­ne. Es fällt auch nie die Bemer­kung, dass ich Japa­nisch ohne­hin beherr­schen müss­te. Hier bin ich ein «Gai­jin», ein Aus­län­der, völ­lig unbe­las­tet von irgend­wel­chen gesell­schaft­li­chen Erwar­tun­gen an mei­ne Person.

Mit der genau­so schwie­ri­gen Bezeich­nung «Gai­jin» kann ich in mei­nem Fall pro­blem­los umge­hen. Anders sein ist nur schon wegen mei­ner eige­nen Lebens­er­fah­rung etwas Nor­ma­les. Das hat auch Vorteile.

Doch wie ist es für jeman­den, der sich in Japan von klein auf stän­dig die Bezeich­nung «Hafu» anhö­ren muss?

Stolz, «Hafu» zu sein

Die in mei­nen Augen unglück­li­che Bezeich­nung «Hafu» muss und kann man nicht ver­bie­ten. Es gibt auch vie­le, die den Begriff ins Posi­ti­ve gewen­det haben. Sie sind stolz dar­auf, so bezeich­net zu wer­den, nen­nen sich selbst «Hafu». Jeder geht ganz nach Alter, Cha­rak­ter und Lebens­si­tua­ti­on anders damit um.

Es wäre jedoch zu wün­schen, dass sich die Japa­ner klar wer­den, was sie mit der Bezeich­nung «Hafu» aus­drü­cken und bei ande­ren womög­lich aus­lö­sen. Ich gehe mit Ryan Sur­dick einig, dass man die­ses Bewusst­sein nur schaf­fen kann, wenn man die per­sön­li­chen Beden­ken im Gespräch mit den japa­ni­schen Freun­den teilt.

Selbst das Voka­bu­lar einer Gesell­schaft ändert sich fort­lau­fend. In der Schweiz höre ich zumin­dest den Begriff «Misch­ling» kaum noch.

Was hal­ten Sie vom Begriff «Hafu»? Schrei­ben Sie unse­re Meinung.

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