Eine Geschich­te über das Leben

Tom­oaki Suna­da war wäh­rend 40 Jah­ren ein hart arbei­ten­der japa­ni­scher Sala­ry­man und lie­be­vol­ler Fami­li­en­va­ter. Und gera­de als er in den ver­dien­ten Ruhe­stand tritt, erfährt er von sei­nem Arzt die Hiobs­bot­schaft: Krebs im letz­ten Sta­di­um. Was macht man, wenn man nur noch weni­ge Zeit zu leben hat? Tom­oaki Suna­da macht sich mit sei­ner letz­ten Ener­gie auf, das letz­te Kapi­tel sei­nes Lebens zu schreiben.

Death of a Japa­ne­se Sales­man (jap. Titel: Ending Note) erzählt die Geschich­te eines Man­nes, der trotz sei­nes unwei­ger­li­chen Endes den Humor und Lebens­mut nie ver­liert und einer Fami­lie, die stets an sei­ner Sei­te ist. Es ist ein Doku­men­tar­film, der unter die Haut geht, einem zum Lachen und Wei­nen bringt und letzt­end­lich das Wich­tigs­te im Leben in Erin­ne­rung ruft. Es ist unmög­lich, sich nicht mit die­ser Fami­li­en­ge­schich­te zu iden­ti­fi­zie­ren. Denn es ist eine Geschich­te, die uns allen ein­mal wider­fährt. Es ist ein Film über das Leben.

Rea­li­siert hat die­sen berüh­ren­den Doku­men­tar­film die Toch­ter von Tom­oaki Suna­da. Das Erst­lings­werk der heu­te 35-jäh­ri­gen Fil­me­ma­che­rin Mami Suna­da ent­wi­ckel­te sich in Japan zu einem Über­ra­schungs­er­folg. Am Sonn­tag, 16. März, wird der Doku­men­tar­film erst­mals in der Schweiz gezeigt, im Alter­na­tiv­ki­no in Zürich. Asi­en­spie­gel hat zu die­sem Anlass mit der Regis­seu­rin gespro­chen. Im Inter­view spricht sie über die Ent­ste­hungs­ge­schich­te, den Ein­fluss von Pro­du­zent Kore-eda und ihre neue Doku über Ani­me-Meis­ter Hayao Miyazaki.

Foto: © 2011 «Death of a Japa­ne­se Sales­man» Pro­duc­tion Com­mit­tee. All rights reser­ved.«Eine uni­ver­sel­le Geschich­te»: Regis­seu­rin Mami Suna­da über ihren Dokumentarfilm.

Ab wel­chem Zeit­punkt haben Sie sich ent­schie­den, aus der Geschich­te Ihres Vater und Ihrer Fami­lie einen Doku­men­tar­film zu machen?

Mami Suna­da: Seit mei­ner Kind­heit fil­me ich mei­ne Fami­lie. Als mein Vater jedoch krank wur­de, konn­te ich nicht mehr auf die­se Wei­se wei­ter­ma­chen. Weil ich nicht woll­te, dass mein Vater dach­te, ich wür­de ihn «zur Erin­ne­rung» fil­misch fest­hal­ten. Ent­spre­chend leg­te ich die Kame­ra bei­sei­te. Den­noch beschäf­tig­te mich die Fra­ge, ob es nicht doch bes­ser wäre, mei­nen Vater ein letz­tes Mal mit der Kame­ra zu beglei­ten. Eini­ge Mona­te, nach­dem ich erfah­ren hat­te, dass er an Krebs erkrankt war, sprach ich mit mei­nen Freun­den dar­über. «Du musst ihn nicht unbe­dingt fil­men, aber womög­lich wirst du es bereu­en», sag­ten sie mir. Ich war hin und her geris­sen. Schliess­lich sag­te mir mein Gefühl, dass ich mei­nen Vater unbe­dingt fil­misch beglei­ten woll­te. Ich woll­te dies aber auf kei­nen Fall als Beruf ver­stan­den wis­sen. Daher fass­te ich einen per­sön­li­chen Ent­schluss: Wenn mein Vater den Anschein mach­te, nicht gefilmt wer­den zu wol­len, oder ich ganz ein­fach nicht fil­men woll­te, egal wie gut die Sze­ne sein moch­te, dann wür­de ich die Kame­ra weg­le­gen. Und so begann ich. Da es sich um mei­ne eige­ne Fami­lie han­del­te, wuss­te ich wahr­schein­lich am bes­ten, in wel­chen Momen­ten ich fil­men durf­te und wo nicht. Nach dem Tod mei­nes Vaters trug ich den Schmerz des Ver­lust in mir. Gleich­zei­tig wur­de mir bewusst, dass ich mit dem Video­ma­te­ri­al etwas Wich­ti­ges fest­ge­hal­ten hat­te. Um die­se gegen­sätz­li­chen Emp­fin­dun­gen zu ver­ar­bei­ten, muss­te ich die­ses Mate­ri­al bear­bei­ten. Dar­an hat­te ich kei­nen Zweifel.

Wie hat Ihre Fami­lie auf den Film reagiert?

Gleich nach dem Ent­schluss, den Film ins Kino zu brin­gen, waren die Zwei­fel natür­lich da. «Wes­halb wird aus dem Fami­li­en­vi­deo ein Film? Und sol­len die Leu­te etwa dafür bezah­len?» frag­te sich mei­ne Fami­lie. Die­se Hal­tung hat sich bis heu­te nicht geän­dert. Ich spür­te auf jeden Fall eine gewis­se Unsi­cher­heit. Mei­ne per­sön­li­che Über­ra­schung kam, als ich an einer Kino­fas­sa­de neben einem Film­pla­kat mit Brad Pitt plötz­lich ein Film­pla­kat mit mei­nem Vater erblick­te. Aber als ich den Film das ers­te Mal mei­ner Fami­lie vor­führ­te, kamen die Erin­ne­run­gen an mei­nen Vater und die schö­nen Zei­ten mit ihm zurück. Es zau­ber­te allen ein Lächeln ins Gesicht.

Es han­delt sich um einen sehr per­sön­li­chen und inti­men Doku­men­tar­film. Wie sind Sie wäh­rend des Fil­mes und der Post-Pro­duk­tio­nen emo­tio­nal damit umgegangen?

Wäh­rend des Fil­mens konn­te ich intui­tiv zwi­schen mir als Fami­li­en­mit­glied und mir als Kame­ra­frau umschal­ten, so als wür­de man das Licht des Zim­mers ein- und aus­schal­ten. Mit ande­ren Wor­ten, es exis­tier­ten ganz natür­lich die Kame­ra­frau und die Toch­ter in mir. Wie schon erwähnt, hat­te ich mir die strik­te Regel auf­er­legt, auf kei­nen Fall zu fil­men, wenn ich anneh­men konn­te, dass mein Vater dies zu jenem Zeit­punkt nicht woll­te oder ich selbst kei­ne Lust dazu hat­te. So konn­te ich inne­re Kon­flik­te ver­hin­dern. «Wie kann ich als Toch­ter mei­nen Vater beglei­ten?» Die­ser Gedan­ke hat­te stets aller­ers­ten Vor­rang. Als mein Vater starb und ich mit dem Bear­bei­tung des Film­ma­te­ri­als begann, hat­te ich zwar noch nicht die Absicht, dies vie­len Men­schen zu zei­gen, aber ich begann schon da auto­ma­tisch den Film aus der Per­spek­ti­ve einer Dritt­per­son wahr­zu­neh­men. Wenn ich mir über­le­gen muss­te, wie eine ande­re Per­son die­se doch sehr pri­va­ten Auf­nah­men auf­fas­sen wür­de, war es für mich über­aus wich­tig, einen emo­tio­na­len Abstand zu den gefilm­ten Per­so­nen zu gewin­nen und mög­lichst objek­tiv die Fami­lie zu por­trä­tie­ren. Ich woll­te nicht, dass die Zuschau­er den Doku­men­tar­film als eine Geschich­te über mich und mei­nem Vater auf­fas­sen, son­dern viel mehr als eine uni­ver­sel­le Geschich­te. Damit der Zuschau­er eine Nähe zum Prot­ago­nis­ten ent­wi­ckelt und sich den Film auch zu Ende schaut, lag die Prio­ri­tät, ähn­lich wie bei einer fik­ti­ven Geschich­te, im detail­lier­ten Auf­bau der Erzählung.

Mir gefällt, dass Sie als Toch­ter die Erzähl­stim­me des Vaters über­neh­men. Wie sind Sie auf die­se Idee gekommen?

Anfäng­lich beauf­trag­te ich einen bekann­ten Schau­spie­ler mit der Erzäh­lung. Da ich den Film so gut wie mög­lich von der Pri­vat­sphä­re abset­zen und eine uni­ver­sel­le Geschich­te dar­aus machen woll­te, war mir nur schon der Gedan­ke, die Off-Stim­me selbst zu lesen, zuwi­der. Aber aus Gesund­heits­grün­den wur­de es für den Schau­spie­ler schwie­rig, die Rol­le anzu­neh­men und so kam es, dass ich die­sen Part über­nahm. Auch der Pro­du­zent von Death of a Japa­ne­se Sales­man, Regis­seur Hiroka­zu Kore-eda, hat­te mir die­se Idee nahe­ge­legt. Mir per­sön­lich fiel die Ent­schei­dung jedoch bis zum Ende schwer. Nun sehe ich aber auch das Gute dar­an. Indem ich als Frau und Toch­ter die Stim­me mei­nes Vaters über­neh­me, nimmt der Film von Anfang an für den Zuschau­er einen fik­ti­ven Cha­rak­ter ein. Es spricht die Stim­me eines Ver­stor­be­nen. Aus­ser­dem konn­te ich mit die­sem Erzähl­stil dem Film einen ruhi­gen Humor ver­lei­hen. Es ist auch gut, dass ich mit die­sem Ent­scheid mei­nen Ver­wand­ten gegen­über bis zum Ende die vol­le Ver­ant­wor­tung über­nom­men habe, denn immer­hin ist der Doku­men­tar­film eine Geschich­te über mei­ne eige­ne Familie.

Wie sehen Sie den Film heute?

Da ich mir den Film nicht mehr anschaue, weiss ich nicht wirk­lich, wie er sich heu­te für mich anfüh­len wür­de. Sicher ist, dass sich mei­ne jet­zi­ge Gefühls­welt von der Zeit, als der Film in Japan in den Kinos anlief, kom­plett unter­schei­det. Es kommt vor, dass ich noch zu Talk­shows ein­ge­la­den wer­den. Wenn ich dann aber eine Sze­ne aus dem Film zu hören bekom­men, hal­te ich mir die Ohren zu. Ich den­ke, dass ich inzwi­schen die Emp­fin­dun­gen mei­ner Fami­lie ange­nom­men habe, zugleich schmer­zen die Erin­ne­run­gen an damals noch immer. Das über­rascht mich selbst.

Kult­re­gis­seur Hiroka­zu Kore-eda hat den Film pro­du­ziert. Wie nahm er Notiz von Ihrem Projekt?

Ich war eini­ge Jah­re Regie­as­sis­ten­tin von Hiroka­zu Kore-eda. Nach­dem mein Vater aber ver­stor­ben war, leg­te ich die Arbeit für eine gewis­se Zeit nie­der. Gleich­zei­tig begann ich mit der Bear­bei­tung des Video­ma­te­ri­als und nach einer Wei­le zeig­te ich Kore-eda einen zwei­stün­di­gen Roh­schnitt. «Das ist ein Film», waren sei­ne ers­ten Wor­te. Per­sön­lich war ich gar noch nicht so weit, um nur schon an das Wort Film zu den­ken. Das war ein spe­zi­el­ler Moment. Danach ging alles schnell. Regis­seur Kore-eda bemüh­te sich um Inves­to­ren, such­te einen Ver­lei­her und beglei­te­te mich bis zur Ver­öf­fent­li­chung des Films.

Sie haben einen Doku­men­tar­film über den Ani­me-Gross­meis­ter Hayao Miya­za­ki gemacht. Hat er sich Death of a Japa­ne­se Sales­man ange­schaut? Wie hat die­ses Pro­jekt begonnen?

Hayao Miya­za­ki hat mei­nen Film noch nicht gese­hen. Ich möch­te auch nicht, dass er ihn sich anschaut. Und auch wenn er eine freie Minu­te für den Film haben soll­te, möch­te ich, dass er die­se Zeit lie­ber für etwas ande­res nutzt. Den Auf­trag für den Film über Stu­dio Ghi­b­li (Hayao Miya­za­kis Stu­dio) kam ursprüng­lich von Dis­ney Japan. Die bei­den Pro­duk­ti­ons­häu­ser pfle­gen in Japan eine enge Bezie­hung. Dis­ney woll­te einen Doku­men­tar­film über Ghi­b­li als Teil eines DVD-Sets ver­kau­fen. Dafür hat mich Dis­ney beauf­tragt. Beim Por­trä­tie­ren von Hayao Miya­za­ki und Ghi­b­li kam in mir aber der Wunsch auf, einen län­ge­ren Doku­men­tar­film fürs Kino dar­aus zu machen. Und so änder­te ich ganz ein­fach die Pla­nung wäh­rend der Film­ar­bei­ten. Übri­gens hat Hayao Miya­za­ki das sel­be Geburts­jahr wie mein Vater.

Möch­ten Sie etwas unse­rem Publi­kum sagen?

Vie­len Dank, dass sie sich den Film anschau­en! Die­ser Film ist die Geschich­te einer unbe­kann­ten Fami­lie aus einem klei­nen Insel­staat, aber egal in wel­chem Land man sich den Film anschaut, man ent­deckt zual­ler­erst die Gemein­sam­kei­ten. «Ein Ende ist gleich­zei­tig auch ein Anfang», pfleg­te mein Vater zu sagen. Wenn sich die­se Bot­schaft mit mei­nem Film ein wenig ver­brei­tet, macht mich das bereits glücklich.

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