Hun­gern gegen Atomkraft

Foto: Mar­tin Ald­ro­van­diAnti-Atom-Pro­tes­te vor dem Prä­si­di­al­amt, inklu­si­ve frü­he­rem Pre­mier­mi­nis­ter Yu Shyi-kun (rechts).

Kaum schien die Beset­zung des Par­la­ments (Asi­en­spie­gel berich­te­te) über­stan­den, steht Tai­wans Regie­rung bereits vor der nächs­ten Kri­se. Zu Zehn­tau­sen­den gin­gen die Tai­wa­ner am Wochen­en­de gegen die Atom­kraft auf die Stras­se. Seit Sams­tag demons­trie­ren die Geg­ner des Kern­kraft­werks auf dem Ketaga­lan-Bou­le­vard vor dem Prä­si­di­al­amt in Tai­peh und am Sonn­tag schliess­lich auch auf der Haupt­stras­se vor dem Tai­pe­her Haupt­bahn­hof, berich­tet die Apple Dai­ly.

Seit rund einer Woche befin­det sich der ehe­ma­li­ge Oppo­si­ti­ons­vor­sit­zen­de Lin Yi-hsi­ung im Hun­ger­streik, er will damit die Inbe­trieb­nah­me des vier­ten Atom­kraft­werks Tai­wans ver­hin­dern. Der 72-jäh­ri­ge bekann­te Poli­ti­ker geniesst hohes Anse­hen in Tai­wan, so stat­te­te ihm bereits Prä­si­dent Ma Ying-jeou kurz nach Beginn des Hun­ger­streiks einen Besuch ab.

Vor 34 Jah­ren wur­den Lins Mut­ter und sei­ne zwei Zwil­lings­töch­ter ermor­det. Eine wei­te­re Toch­ter über­leb­te den Mord­an­schlag in Lins Haus schwer ver­letzt. Lin selbst war zu jener Zeit in Haft, da er an einem Auf­stand gegen die dama­li­ge Regie­rung betei­ligt war. Die Mor­de an Lins Fami­lie wur­den nie auf­ge­klärt. Das Haus beher­bergt heu­te eine pres­by­te­ria­ni­sche Kir­che, in jener Lin Yi-hsi­ung der­zeit sei­nen Hun­ger­streik gegen das vier­te Atom­kraft­werk abhält.

Hohe Hür­de für Referendum

Die Regie­rung ihrer­seits will ein Refe­ren­dum über die Zukunft des Atom­kraft­werks abhal­ten. Das Pro­blem: Damit ein Refe­ren­dum in Tai­wan erfolg­reich ist, reicht eine Mehr­heit der Stimm­be­tei­lig­ten allein nicht aus – statt­des­sen müss­te sich eine Mehr­heit der 18 Mil­lio­nen Stimm­be­rech­tig­ten gegen den Atom­mei­ler aussprechen.

Die Oppo­si­ti­on wür­de die­se Hür­de ger­ne besei­ti­gen. Die Regie­rung ihrer­seits warnt vor einer Wel­le von Refe­ren­da, soll­te eine Mehr­heit der Stimm­be­tei­lig­ten für ein erfolg­rei­ches Refe­ren­dum bereits aus­rei­chen. Wäh­rend eines Gespräch konn­te sich der Vor­sit­zen­de der Oppo­si­ti­ons­par­tei DPP und Prä­si­dent Ma Ying-jeou nicht auf einen Kom­pro­miss eini­gen.

Erd­be­ben­re­gi­on Taiwan

Tai­wan betreibt der­zeit sechs Kern­re­ak­to­ren in drei Atom­kraft­wer­ken, die zwei ältes­ten nah­men in den sieb­zi­ger Jah­ren ihren Betrieb auf. Die Regie­rung spricht sich für einen lang­fris­ti­gen Aus­stieg aus der Atom­ener­gie aus. Sie will den vier­ten Atom­mei­ler den­noch in Betrieb neh­men, da die zwei ältes­ten Kern­kraft­wer­ke Tai­wans bald vom Netz genom­men wer­den müss­ten. Tai­wan bezieht rund einen Fünf­tel sei­nes Stroms aus Atomkraftwerken.

Die Atom­kraft-Geg­ner haben seit der Kata­stro­phe in Fuku­shi­ma vor drei Jah­ren auch in Tai­wan Auf­wind erhal­ten (Asi­en­spie­gel berich­te­te). Wie Japan wird auch Tai­wan regel­mäs­sig von Erd­be­ben heim­ge­sucht, die einen Tsu­na­mi aus­lö­sen könn­ten. Ein unge­lös­tes Pro­blem ist auch der Atom­müll, so lagern auf der Insel Lanyu vor Tai­wans Süd­ost­küs­te Tau­sen­de von Fäs­sern mit radio­ak­ti­vem Abfall.

Update, 28. April 2014

In der Nacht auf Mon­tag begann die Poli­zei mit Was­ser­wer­fen die Zhon­gxiao West-Stras­­se zu räu­men. Die ver­blei­ben­den meh­re­ren hun­dert Demons­tran­ten wur­den von Poli­zei-Son­­der­ein­hei­­ten – einer nach dem ande­ren – von der Stras­se gezerrt.

Foto.: Mar­tin Ald­ro­van­diTai­wans vier­tes Atom­kraft­werk ist fast fertig.
Foto: Mar­tin Ald­ro­van­diDer Shut­down-Schal­ter im vier­ten Atomkraftwerk.
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