Das AKW unweit von Tokio

Foto: wikimedia/​KEIDas AKW Tokai in der Prä­fek­tur Ibaraki.

Auf dem Gelän­de des AKW Tokai in der Prä­fek­tur Iba­ra­ki begann das japa­ni­sche Atom­strom­zeit­al­ter. Hier wur­de Asi­ens ers­ter kom­mer­zi­el­le Kern­re­ak­tor in den 1960er-Jah­ren in Betrieb genom­men, der bis 1998 sei­nen Dienst tat. Der zwei­te 1978 gebau­te Reak­tor 2 ist seit dem Tsu­na­mi vor drei Jah­ren pro­vi­so­risch abgeschaltet.

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Die Wel­le hat­te ein Kühl­pum­pen­sy­tem sowie einen Teil der Die­sel­ge­ne­ra­to­ren für die Not­strom­ver­sor­gung zer­stört. Den­noch gelang es Betrei­ber Japan Ato­mic Power die Lage unter Kon­trol­le zu brin­gen. Eine grös­se­re Kata­stro­phe wäre auch in Tokio, das nur 115 Kilo­me­ter ent­fernt liegt, nicht unbe­merkt geblie­ben. Zum Ver­gleich: Das hava­rier­te AKW Fuku­shi­ma liegt 240 Kilo­me­ter von der Haupt­stadt entfernt.

Der dama­li­ge Bür­ger­meis­ter der Klein­stadt Tokai-Mura, Tats­u­ya Mura­ka­mi, wur­de nach der Drei­fach­ka­ta­stro­phe vom 11. März 2011 zu einem erklär­ten Geg­ner des loka­len Atom­kraft­werks, was ihm auch inter­na­tio­nal viel Auf­merk­sam­keit ein­brach­te. Er for­der­te offen die end­gül­ti­ge Abschal­tung des letz­ten Reak­tors. «Japan ist weder berech­tigt noch fähig dazu, ein AKW zu kon­trol­lie­ren», war sei­ne unmiss­ver­ständ­li­che Hal­tung.

Unru­he im Dorf

Mura­ka­mi ist inzwi­schen einer der bekann­tes­ten AKW-Geg­ner. Die Erfah­run­gen in der Ver­gan­gen­heit haben ihn geprägt. In Tokai kam es 1999 in einer Fabrik der Fir­ma JCO Co., wo Uran ver­ar­bei­tet wird, zu einer gefähr­li­chen nuklea­ren Ket­ten­re­ak­ti­on, bei der min­des­tens 150 Men­schen star­ker Radio­ak­ti­vi­tät aus­ge­setzt wur­den und zwei Arbei­ter star­ben. Mura­ka­mi, der damals schon Bür­ger­meis­ter war, liess das Gebiet in einem Radi­us von 350 Metern voll­stän­dig eva­ku­ie­ren. Er ver­zich­te­te dabei, noch lan­ge auf Anord­nun­gen aus Tokio zu warten.

Die Akti­on brach­te Mura­ka­mi viel Respekt ein. Mit sei­ner Hal­tung nach Fuku­shi­ma hat er aber in sei­nem Städt­chen mit knapp 40’000 Ein­woh­nern nicht nur Freun­de gemacht. In Tokai sind vie­le von der Atom­bran­che abhän­gig. Bei die­sen Per­so­nen war die Erleich­te­rung gross, als Mura­ka­mi 2014 nach 16 Jah­ren als Bür­ger­meis­ter zurück­trat. Sein Nach­fol­ger Osa­mu Yama­da ist zwar der ehe­ma­li­ge Vize von Mura­ka­mi, hat sich aber in der Atom­fra­ge als «neu­tral» positioniert.

Antrag auf Neustart

Japan Ato­mic Power hat im Mai bei der Nuklea­ren Regu­lie­rungs­be­hör­de (NRA) einen Antrag auf Wie­der­hoch­fah­ren des AKW Tokai 2 gestellt. Es ist das ältes­te Kraft­werk, das von den Behör­den der­zeit auf die Sicher­heit getes­tet wird. Ein Tsu­na­mi-Schutz­wall von 18 Metern Höhe wur­de errich­tet, das AKW noch stär­ker gegen Erd­be­ben gesichert.

Noch muss die Infra­struk­tur aber in vie­len Punk­ten erneu­ert wer­den. Vie­le Fra­gen blei­ben offen. So sol­len bis 2016 Ent­lüf­tungs­fil­ter instal­liert wer­den. Aus­ser­dem scheint es wegen der alten Infra­struk­tur nicht mög­lich zu sein, neue feu­er­si­che­re elek­tri­sche Kabel zu instal­lie­ren, was eigent­lich eine zen­tra­le Bedin­gung der NRA ist.

Die Sicher­heits­mass­nah­men wer­den laut Schät­zun­gen der Japan Ato­mic Power am Ende bis zu 78 Mil­li­ar­den Yen (570 Mil­lio­nen Euro) kos­ten, wie die Asahi Shim­bun berichtet.

Bis zu 960’000 Eva­ku­ier­te im schlimms­ten Fall

Auch der neu gestal­te­te Ent­wurf für einen Eva­ku­ie­rungs­plan der Prä­fek­tur Iba­ra­ki lässt auf­hor­chen. Dem­nach müss­ten bei einem schwe­ren AKW-Unfall bis zu 960’000 Men­schen im Umkreis von 30 Kilo­me­ter eva­ku­iert wer­den, wie die Tokyo Shim­bun berichtet.

Und weil Iba­ra­ki nicht die Kapa­zi­tä­ten hät­te, so vie­le Men­schen in pro­vi­so­ri­schen Unter­künf­ten unter­zu­brin­gen, wäre der Plan, rund 520’000 Men­schen in die fünf Nach­bar­prä­fek­tu­ren zu ver­le­gen. Kein ande­res AKW in Japan zählt der­art vie­le Bewoh­ner in sei­nem nächs­ten Umkreis.

Kei­ne Alternativen

Japan Ato­mic Power möch­te unge­ach­tet der Sicher­heits­be­den­ken wei­ter­ma­chen. Im Gegen­satz zu ande­ren Betrei­bern lebt das Unter­neh­men, das meh­re­ren Strom­pro­du­zen­ten gehört, aus­schliess­lich vom Betrieb von Atomkraftwerken.

Aus­ser­dem sind die Aus­sich­ten für ein Wie­der­hoch­fah­ren in sei­nem ande­ren Atom­kraft­werk Tsu­ru­ga in der Prä­fek­tur Fukui noch schlech­ter. Das AKW liegt laut NRA auf einer akti­ven Ver­wer­fung. Bereits 2013 begann Japan Ato­mic Power, wegen sei­ner ange­spann­ten finan­zi­el­len Lage, Tei­le sei­nes Urans zur Her­stel­lung von Brenn­ele­men­ten zu ver­kau­fen (Asi­en­spie­gel berich­te­te).

Und so wird das Unter­neh­men bis zum Ende alles dar­an set­zen, sein Atom­kraft­werk, das nur unweit von Tokio liegt, wie­der in Betrieb zu nehmen.

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