Ort der Sehn­süch­te und Fantasien

*Täg­lich besu­chen 2,5 Mil­lio­nen Men­schen eines der 37’000 Love-Hotels in Japan. Die Love-Hotels sind kei­ne Bor­del­le, son­dern die ein­zi­gen Orte, wo Paa­re, Gelieb­te und selbst Ein­sa­me aus der struk­tu­rier­ten Gesell­schaft aus­bre­chen kön­nen. Hier lebt die japa­ni­sche Gesell­schaft ihre Lie­be, Wün­sche, Fan­ta­si­en und Geheim­nis­se dis­kret und anonym aus. 

Der Doku­men­tar­film «Love Hotel» gewährt einen bis­lang nie da gewe­se­nen Zugang hin­ter die Kulis­sen die­ser Bran­che mit ihren grel­len, kit­schi­gen Fas­sa­den und ver­spielt ein­ge­rich­te­ten Zim­mern. Die Fil­me­ma­cher Phil Cox und Hika­ru Toda haben wäh­rend eines Jah­res Stamm­kun­den des «Ange­lo Love Hotels» in Osa­ka beglei­tet. Ent­stan­den ist ein fein­füh­li­ges und tief­grün­di­ges Por­trät über die ver­bor­ge­ne Sei­te der japa­ni­schen Gesellschaft.

Der Doku­men­tar­film «Love Hotel» fei­ert am 14. Sep­tem­ber im Alter­na­tiv­ki­no in Zürich Schwei­zer Pre­mie­re. Asi­en­spie­gel hat sich mit Regis­seur Phil Cox unterhalten.*

Asi­en­spie­gel: Wie sind Sie auf die Idee gekom­men, einen Film über die japa­ni­schen Love Hotels zu machen?

Phil Cox: Es war 2011 als ich in mei­nem klei­nen Lon­do­ner Büro anfing, mir Gedan­ken zu machen, einen Film in Japan zu dre­hen. Zusam­men mit der jun­gen und talen­tier­ten japa­ni­schen Fil­me­ma­che­rin Hika­ru Toda gin­gen wir ver­schie­de­ne mög­li­che The­men durch, bis wir schliess­lich auf das Phä­no­men Love-Hotel sties­sen. In Japan besu­chen täg­lich 2,5 Mil­lio­nen Men­schen ein Love-Hotel. Das ist eine beein­dru­cken­de Zahl. Trotz allem hat­te noch kein Fil­me­ma­cher Zugang zu die­ser anony­men und pri­va­ten Welt. Man darf die Love-Hotels auf kei­nen Fall mit Bor­del­len ver­wech­seln. Es sind viel­mehr Orte, wo man für kur­ze Zeit aus dem All­tag ent­flie­hen und sei­ne Fan­ta­si­en aus­le­ben darf. Dabei geht es nicht nur um Sex. In den Love-Hotels singt man Karao­ke, ver­klei­det sich, fei­ert Par­tys oder man ist ein­fach ganz allei­ne. Als Fil­me­ma­cher inter­es­sier­te mich beson­ders, dass es an einem Ort, in einem ein­zi­gen Gebäu­de zahl­rei­che inti­me Geschich­ten gibt, wo reich und arm, alt und jung alle für einen kur­zen Moment Sei­te an Sei­te sind. Ein Love-Hotel ist ein Fens­ter zur japa­ni­schen Gesellschaft.

Wie ist es Ihnen gelun­gen, sich Zugang in die­se inti­me und ver­ste­cke Welt der Japa­ner zu verschaffen?

Das war kei­ne ein­fa­che Auf­ga­be. Eine wich­ti­ge Vor­aus­set­zung für einen Doku­men­tar­fil­me ist viel Geduld sowie die Fähig­keit, mit Men­schen in Kon­takt zu tre­ten und eine Ver­trau­ens­ba­sis zu schaf­fen. Wir haben vie­le Per­so­nen ange­fragt und natür­lich war die Ant­wort nicht sel­ten ein knap­pes «Nein». Aber ande­re zeig­ten sich wie­der­um offen für eine Doku­men­tar­film, der sich der Lie­be und Inti­mi­tät in einem Hotel annimmt. Wir kom­mu­ni­zier­ten immer sehr offen und klar unse­re Vor­stel­lun­gen. Sobald wir im Love-Hotel drin waren, spra­chen die Por­trä­tier­ten jeweils sehr offen mit uns über ihre Gefühls­welt. Hier fühlt man sich in Japan nur schon aus kul­tu­rel­len Grün­den ent­spann­ter und offe­ner. Das ist ja auch die Essenz des Love-Hotels. Es ist in vie­ler­lei Hin­sicht ein psy­cho­lo­gi­scher Frei­raum, wo die Men­schen alles aus­le­ben und ihren Sehn­süch­ten und Fan­ta­si­en frei­en Lauf las­sen. Mit eini­gen Por­trä­tier­ten pfleg­ten wir einen jah­re­lan­gen Aus­tausch. Dar­aus sind auch gute Freund­schaf­ten ent­stan­den. Eini­ge der Prot­ago­nis­ten, wie das ver­hei­ra­te­te Paar, hielt den Film für sehr wich­tig. Sie nutz­ten ihn sogar, um ihre Bezie­hung zu ver­tie­fen. Ande­re wie das homo­se­xu­el­le Paar woll­ten gefilmt wer­den, um dem Publi­kum ohne Vor­ur­tei­le und Ver­zer­rung zu zei­gen, wie sie wirk­lich sind. Als Fil­me­ma­cher hat­ten wir die gros­se Ver­ant­wor­tung all die­se Men­schen mit Fein­ge­fühl und Ein­füh­lungs­ver­mö­gen zu por­trä­tie­ren. Auf­grund der bis­he­ri­gen Reak­tio­nen der Zuschau­er glau­be ich, dass uns dies gelun­gen ist.

Wes­halb sind Ihrer Mei­nung nach die Love-Hotels so popu­lär in Japan?

Weil der Mensch einen Ort braucht, wo er sich aus­le­ben kann und Spass haben darf. In Japan herr­schen ein rigi­des Arbeits­ethos, eine tief kon­for­mis­ti­sche Kul­tur und sehr enge Wohn­räu­me vor. All dies führt zum Wunsch nach einem Raum, wo Pri­vat­sphä­re, Inti­mi­tät und Spiel gelebt wer­den kön­nen. Genau dies bie­ten die Love-Hotels. Ich den­ke, dass sie sehr wich­ti­ge und pro­gres­si­ve Orte sind. In einer Geschich­te im Film geht es um ein Paar, das seit zwan­zig Jah­ren ver­hei­ra­tet ist und täg­lich so hart arbei­ten muss, dass die eins­ti­ge Lei­den­schaft für­ein­an­der ver­lo­ren gegan­gen ist. Mit den gemein­sa­men Love-Hotel-Besu­chen ver­su­chen sie den Spass und das Ver­spiel­te in ihrer Bezie­hung wie­der zu ent­de­cken. Das Love-Hotel hat ihre Ehe geret­tet. Vie­le west­li­che Gesell­schaf­ten lei­den unter den­sel­ben Pro­ble­men der Über­ar­bei­tung und der ver­lo­re­nen Zeit für Inti­mi­tät. Wir haben aber im Gegen­satz zu den Japa­nern kei­nen Ort, wo wir die­sen Stress abbau­en können.

Glau­ben Sie, dass das Love-Hotel-Kon­zept in Euro­pa funk­tio­nie­ren würde?

Ich glau­be nicht. Love-Hotels sind kei­ne Bor­del­le. Gera­de die­se Tat­sa­che ver­ste­hen vie­le Euro­pä­er nicht. Die euro­päi­sche Kul­tur hat auf­grund ihrer Geschich­te eine ganz ande­re Bezie­hung zu Sinn­lich­keit und Sex. Es ist eine, die von Reli­gi­on und auf­er­leg­ter Moral domi­niert wird, was dazu geführt hat, dass bei uns Scham und Schuld­ge­fühl eng mit Sinn­lich­keit und sexu­el­ler Frei­heit ein­her­ge­hen. Japan hin­ge­gen war wäh­rend vie­ler Jahr­hun­der­te eine iso­lier­te Insel, die von west­li­chen Ein­flüs­sen abge­schnit­ten war. Dadurch wur­de das Land nicht so stark von unse­ren sexu­el­len Moral­vor­stel­lun­gen beein­flusst. Natür­lich ruft das Gesprächs­the­ma Love-Hotel auch in Japan gele­gent­lich Geläch­ter und Ver­le­gen­heit her­vor. Aber nur schon die täg­lich 2,5 Mil­lio­nen Love-Hotel-Besu­cher bewei­sen, dass es in Japan dies­be­züg­lich kei­ne mora­li­sche Vor­be­las­tung gibt, wie es an vie­len Orten in Euro­pa womög­lich der Fall wäre.

Wes­halb haben Sie das Ange­lo Love-Hotel als Ort für ihren Film ausgewählt?

Wir haben vie­le Love-Hotels in Osa­ka ange­fragt, aber kei­nes gewähr­te uns Zutritt. Nur das Ange­lo zeig­te sich offen für die­se Idee. Ich glau­be, wir waren ein­fach zum rich­ti­gen Zeit­punkt am rich­ti­gen Ort. Das war unser Quänt­chen Glück.

Was waren die gröss­ten Schwie­rig­kei­ten wäh­rend der Filmarbeiten?

Gedul­dig zu blei­ben, sich den Ter­min­plä­nen der Kun­den anzu­pas­sen und eine gute Bezie­hung mit dem Manage­ment des Hotels auf­recht zu erhal­ten. Wir muss­ten im Hotel arbei­ten ohne des­sen Geschäft zu behin­dern. Das bedeu­te­te, dass wir als Fil­me­ma­cher fast unsicht­bar blei­ben muss­ten. Natür­lich gab es auch sprach­li­che und kul­tu­rel­le Hür­den. Zusam­men mit Hika­ru Toda, mei­ner japa­ni­schen Co-Regis­seu­rin, konn­ten wir jedoch vie­le Pro­ble­me bewältigen.

Wie lan­ge dau­er­te es, den Film Love Hotel zu realisieren?

Wir began­nen 2011 mit den ers­ten Recher­chen und im Janu­ar 2012 mit dem Fil­men. Im April 2014 haben wir Pre­mie­re gefei­ert. Also rund zwei­ein­halb Jah­re dau­er­te das Pro­jekt bis zur Voll­endung. Das ist ehr­lich gesagt nicht schlecht für einen abend­fül­len­den Doku­men­tar­film, bei dem die Beob­ach­tung eine wich­ti­ge Rol­le spielt. Bei vie­len sol­chen Fil­men dau­ert die Pro­duk­ti­ons­zeit viel länger.

Wel­chen Prot­ago­nist im Film mögen Sie am meisten?

Alle Por­trä­tier­ten waren sehr spe­zi­ell auf ihre Art und Wei­se. Da gibt es den Pen­sio­när Tan­a­ka-san mit sei­ner Ehr­lich­keit und sei­nem Humor, die Domi­na Rika mit ihren unglaub­li­chen Geschich­ten, das Ehe­paar Saka­mo­to und ihre zärt­li­chen Ver­su­che, die Ehe zu ret­ten. Sie alle sind zu mei­nen Freun­den gewor­den und haben mir gezeigt, was es bedeu­tet, Mensch zu sein.

Wie waren die bis­he­ri­gen Reak­tio­nen auf Love Hotel?

Die Zuschau­er­re­ak­tio­nen waren bis­lang fan­tas­tisch. Ich glau­be, dass vie­le nicht genau wis­sen, was sie erwar­tet. «Ist es ein por­no­gra­phi­scher oder gar ein reis­se­ri­scher Film?» fra­gen sich wohl vie­le. In Wahr­heit ist es ein warm­her­zi­ger Film mit viel Humor und Fein­ge­fühl. Der Film spricht die Zuschau­er an. Sie kön­nen sich mit den Cha­rak­te­ren und deren Pro­ble­men iden­ti­fi­zie­ren. Love Hotel wur­de bis­lang in Nord­ame­ri­ka, Frank­reich und Aus­tra­li­en vor aus­ver­kauf­ten Häu­sern gezeigt. Und ich hof­fe, dass wir ihn bald auch in ande­ren Län­dern in Euro­pa und Asi­en zei­gen dürfen.

Wür­den Sie noch ger­ne etwas hinzufügen?

Love Hotel war für mich in vie­ler­lei Hin­sicht ein gefähr­li­ches Film­pro­jekt. Mei­ne gröss­te Angst war es, einen voy­eu­ris­ti­schen Film aus einem west­li­chen Stand­punkt zu machen, der die Japa­ner als ver­rückt und schräg mit Sex-Sze­nen in Love-Hotels dar­stel­len wür­de. Love Hotel ist nicht ein kli­schier­ter Lost in Trans­la­ti­on-Film gewor­den. Wäre er so gewor­den, dann hät­te ich ver­sagt. Dank mei­ner japa­ni­schen Co-Regis­seu­rin hat­ten wir die rich­ti­ge Balan­ce, um den Blick von aus­sen und innen wie­der­zu­ge­ben. Wir waren ent­schlos­sen, viel Zeit auf­zu­wen­den, um die Inti­mi­tät und Tie­fe der Por­trä­tier­ten zu erfas­sen, damit die Zuschau­er eine Bezie­hung zu ihnen her­stel­len und sich selbst auf der Lein­wand wie­der­erken­nen kön­nen. Ich sehe die Insti­tu­ti­on der Love-Hotels als etwas Wich­ti­ges und Pro­gres­si­ves an. Wir Men­schen bestehen alle aus viel­schich­ti­gen Wün­schen, Emo­tio­nen und Frus­tra­tio­nen. Die­se ein­fach zu unter­drü­cken oder als schlecht anzu­se­hen ist nicht immer gesund. In die­sem Sin­ne sind die Love-Hotels in Japan siche­re und pri­va­te Orte, wo wir Inti­mi­tät und Spiel fin­den und unse­re Fan­ta­si­en ohne Vor­ur­tei­le aus­le­ben kön­nen – dies kann nur eine gute Sache sein!

Der Doku­men­tar­film Love Hotel fei­ert am 14. Sep­tem­ber im Alter­na­tiv­ki­no in Zürich Schwei­zer Pre­mie­re. Wir bit­ten Sie die Tickets im Vor­aus zu kau­fen. Die Zahl der ver­füg­ba­ren Plät­ze ist limitiert. 

Foto: Nati­ve Voice FilmsIn einem Love-Hotel.
Foto: Nati­ve Voice FilmsEine Sze­ne aus «Love Hotel».
Foto: Nati­ve Voice FilmsPhil Cox, Regis­seur von «Love Hotel».
Foto: Nati­ve Voice FilmsCo-Regis­seu­rin Hika­ru Toda (links) wäh­rend der Dreharbeiten.
Foto: Nati­ve Voice FilmsOza­wa-san, Mana­ger des Ange­lo Love Hotels
Foto: Nati­ve Voice FilmsIm Ange­lo Love Hotel in Osaka.
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