Foto: flickr/​deca­yof­the­an­gelEine lang­sa­me Öff­nung: Seit zwei Jah­ren gibt es die Tokyo Rain­bow Pride.

Shi­bu­ya ist einer der beleb­tes­ten Bezir­ke der japa­ni­schen Haupt­stadt Tokio. 215’000 Men­schen leben in die­sem Mikro­kos­mos, der beson­ders für die jun­gen Japa­nern ein Magnet ist. Sein Wahr­zei­chen ist die berühm­te Kreu­zung beim Bahn­hof Shi­bu­ya (Asi­en­spie­gel beri­che­te). Nun ist die Lokal­re­gie­rung des Bezirks gera­de dar­an, Shi­bu­ya auch poli­tisch zum pro­gessivs­ten Ort von ganz Japan zu machen.

Geht es nach dem Wil­len der Exe­ku­ti­ve soll im Bezirk Shi­bu­ya schon bald die ein­ge­tra­ge­ne Part­ner­schaft für glech­ge­schlecht­li­che Paa­re ermög­licht wer­den. Dem Lokal­par­la­ment soll die Ver­ord­nung schon in den kom­men­den Wochen zur Abstim­mung vor­ge­legt wer­den. Wird die­ser gut­ge­heis­sen, wür­de man bereits im Lau­fe des kom­men­den Fis­kal­jah­res die neu­en Part­ner­schafts-Zer­ti­fi­ka­te aus­stel­len, die mit dem Ehe­sta­tus gleich­wer­tig zu behan­deln seien.

Eine Pre­mie­re in Japan

Es wäre das ers­te Mal über­haupt, dass eine japa­ni­sche Behör­de die gleich­ge­schlecht­li­che Part­ner­schaft aner­ken­nen wür­de. Shi­bu­ya will damit nach eige­nen Anga­ben zu einer Gesell­schaft bei­tra­gen, die «die Viel­fäl­tig­keit der Indi­vi­du­en wert­schätzt». Gleich­zei­tig wol­le man das Ver­ständ­nis für sexu­el­le Min­der­hei­ten fördern.

Die neue Rege­lung könn­te so eini­ge Dis­kri­mi­nie­run­gen im All­tag besei­ti­gen. Bei einem Besuch im Kran­ken­haus wür­de man in Shi­bu­ya künf­tig als Fami­li­en­mit­glied aner­kannt wer­den. Auch die Woh­nungs­su­che könn­te sich durch das off­zi­el­le Part­ner­schafts­zer­ti­fi­kat der Behör­den leich­ter gestal­ten. Die Lokal­re­gie­rung wür­de zudem alle Geschäf­te aktiv auf­for­dern, gleich­ge­schlecht­li­che Paa­re nicht zu diskriminieren.

Kei­ne recht­lich bin­den­de Wirkung

Die Ver­ord­nung wird zwar kei­ne recht­li­che bin­den­de Wir­kung haben, den­noch setzt sie in einem Land, in dem Homo­se­xua­li­tät noch immer von einem Gross­teil der Gesell­schaft tabui­siert wird (Asi­en­spie­gel berich­te­te), ein star­kes Zeichen.

In Japans Gross­städ­ten Tokio und Osa­ka gibt es zwar leben­di­ge Gay-Sze­nen. Wer schwul ist, der muss auch nicht wie in ande­ren Län­dern um sein Leben fürch­ten. Dies hat jedoch nicht mit einer beson­de­ren Offen­heit oder Auf­ge­klärt­heit, son­dern viel­mehr mit Gleich­gül­tig­keit zu tun. Denn in Japans Gesell­schaft wird Homo­se­xua­li­tät kaum the­ma­ti­siert. Eine poli­ti­sche Dis­kus­si­on dar­über exis­tiert nicht. Die Öffent­lich­keit nimmt die The­ma­tik nur am Ran­de wahr. So zie­hen es vie­le Schwu­le und Les­ben vor, auf ein Outing im Freun­des­kreis oder in der Fami­lie zu verzichten.

Wie Shi­bu­ya die Ver­fas­sung umgeht

Die Ver­ord­nung von Shi­bu­ya ist in die­sem Sin­ne ein ers­ter Schritt zur öffent­li­chen Sen­si­bi­li­sie­rung die­ser The­ma­tik. Noch ist es aber ein wei­ter Weg, gera­de in poli­ti­scher Hin­sicht. So kennt das japa­ni­sche Gesetz zwar kein Ver­bot von homo­se­xu­el­len Bezie­hun­gen. Eine Hei­rat wird aber gemäss Arti­kel 24 der Ver­fas­sung als «ein Akt basie­rend auf der gemein­sa­men Zustim­mung der bei­den Geschlech­ter» defi­niert und schliesst so eine gleich­ge­schlecht­li­che Ehe aus.

In Shi­bu­ya umgeht man die­se juris­ti­sche Pro­ble­ma­tik, indem man bei den Zer­ti­fi­ka­ten für die ein­ge­tra­ge­ne Part­ner­schaft von einer Ein­füh­rung «eines von der Ehe völ­lig unab­hän­gi­gen Sys­tems» spricht.

Hier das japa­ni­sche Wort zum aktu­el­len Arti­kel. Mehr Wör­ter und Fak­ten, die Japan zur­zeit bewe­gen, gibt es jeden Monat im neu­en Asi­en­spie­gel-Wort­schatz (50%-Rabatt für Studenten).

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