Arbei­ten bis zum Selbstmord

flickr/​Cyril BèleDie tota­le Erschöp­fung: Ein Sala­ry­man am Ende eines lan­gen Arbeitstages.

Japans Arbeits­le­ben ist hart, Über­stun­den die Regel und kaum ein Ange­stell­ter gönnt sich eine Aus­zeit. Die Fol­ge sind men­tal und kör­per­lich über­ar­bei­te­te Ange­stell­te, die sich im schlimms­ten Fall wort­wört­lich zu Tode arbei­ten. Selbst einen Namen gibt es für die­ses Phä­no­men in Japan: «Karo­shi», «der Tod durch Über­ar­bei­tung» (Asi­en­spie­gel berich­te­te).

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Auch wenn das japa­ni­sche Arbeits­recht kla­re Lini­en vor­gibt – erlaubt sind maxi­mal 40 Über­stun­den pro Monat – hal­ten sich die wenigs­ten Fir­men dar­an. Die Mit­ar­bei­ter bekla­gen sich kaum. Für den Arbeit­ge­ber stets prä­sent zu sein, gehört zum guten Ton. Aus­ser­dem ist die Über­stun­den­be­zah­lung oft ein wich­ti­ger Bestand­teil des Lohns.

Der Fall Dentsu

Regel­mäs­sig liest man in den japa­ni­schen Medi­en von Karo­shi-Fäl­len. Zuletzt sorg­te der Selbst­mord einer jun­gen Ange­stell­ten der gros­sen japa­ni­schen Wer­be­agen­tur Dentsu für Schlag­zei­len. Die 24-jäh­ri­ge war laut der Sank­ei Shim­bun im April 2015 als Absol­ven­tin der renom­mier­ten Uni­ver­si­tät Tokio in die Fir­ma eingetreten.

Eine Aus­zeit hat­te sie seit­her kaum. Bis zu 130 Über­stun­den monat­lich leis­te­te sie und schlief manch­mal nur noch 2 Stun­den, bis sie nicht mehr konn­te und sich im Dezem­ber 2015 im Fir­men­wohn­heim das Leben nahm. Die staat­li­che Auf­sichts­be­hör­de für die Ein­hal­tung des Arbeits­rechts hat dies nun offi­zi­ell als Karo­shi-Fall ein­ge­stuft. Damit haben die Hin­ter­blie­be­nen Anrecht auf Schadenersatz.

Die Kri­tik des Professors

Obwohl die­se Kul­tur der stän­di­gen Prä­senz am Arbeits­platz inzwi­schen von der Regie­rung in einem Weiss­buch the­ma­ti­siert und aktiv bekämpft wird (Asi­en­spie­gel berich­te­te), man­gelt es an zu vie­len Orten noch immer an einem Ver­ständ­nis für die­se Pro­ble­ma­tik. So schrieb ein gewis­ser Pro­fes­sor Hideo Hase­ga­wa von der Uni­ver­si­tät Mus­a­s­hi­no nach der Publi­ka­ti­on des Karo­shi-Weiss­buchs in einem Online-Kom­men­tar auf einer News-Site: «Dass jemand wegen mehr als 100 Über­stun­den Selbst­mord begeht, ist beschä­mend.» Für einen pro­fes­sio­nel­len Mit­ar­bei­ter mit einem Bewusst­sein zur Pflicht­er­fül­lung dürf­ten Über­stun­den kei­ne Rol­le spie­len, kri­ti­sier­te er weiter.

Der Kom­men­tar lös­te eine Wel­le der Kri­tik aus. Die Wor­te des Pro­fes­sors sei­en gera­de hin­sicht­lich des aktu­el­len Dentsu-Fal­les unsen­si­bel und trü­gen dazu bei, dass es noch immer zu Todes­fäl­len durch Über­ar­bei­tung kom­me. Pro­fes­sor Hase­ga­wa lösch­te in der Fol­ge den Kom­men­tar und ent­schul­dig­te sich für die unan­ge­mes­se­ne Wahl sei­ner Wor­te. Er habe dies geschrie­ben, weil er aus eige­ner lang­jäh­ri­ger Erfah­rung in der Pri­vat­wirt­schaft wis­se, dass Über­stun­den für eine Fir­ma uner­läss­lich seien.

Die Ent­schul­di­gung der Universität

Sei­nen jet­zi­gen Arbeit­ge­ber über­zeug­te er damit aber nicht. Der Prä­si­dent der Uni­ver­si­tät Mus­a­s­hi­no ent­schul­dig­te sich in einem Bei­trag auf der Home­page zutiefst für das Ver­hal­ten des Pro­fes­sors. Sei­ne Aus­sa­gen stün­den im Wider­spruch mit den Prin­zi­pi­en und Richt­li­ni­en der Uni­ver­si­tät. Man erwä­ge dis­zi­pli­na­ri­sche Mass­nah­men gegen den Mit­ar­bei­ter und bemü­he sich dar­um, dass ein sol­cher Vor­fall nicht wie­der vorkomme.

Trotz einer zuneh­men­den Sen­si­bi­li­sie­rung zeigt der Fall, dass die Kul­tur der kom­plet­ten Über­ar­bei­tung vie­ler­orts in Japan noch immer als ein Selbst­ver­ständ­nis ange­se­hen wird. Ein Umden­ken wird noch vie­le Jah­re in Anspruch nehmen.

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