Yama­bu­shi: Die letz­ten Berg­mön­che von Yamagata

In Nord­ja­pan prak­ti­zie­ren die Yama­bu­shi eine einst ver­bo­te­ne uralte Reli­gi­on. Obwohl ihre Tra­di­tio­nen heu­te bedroht sind, ermög­li­chen sie ein alter­na­ti­ves Leben in der Gesell­schaft. Eine Repor­ta­ge und ein Film von Fritz Schu­mann.

«Über den Berg»: Ein Film von Fritz Schumann.

Shu­gen­dō – eine Reli­gi­on mit vie­len Aspekten

Yama­bu­shi – die sich in den Ber­gen nie­der­le­gen – sind Anhän­ger von Shu­gen­dō: eine Natur­re­li­gi­on, wel­che japa­ni­schen Shin­tō und Bud­dhis­mus kom­bi­niert, aber unter ande­rem auch Ele­men­te aus dem chi­ne­si­schen Dao­is­mus und dem Scha­ma­nis­mus hin­zu­fügt. Es ist eine aske­ti­sche Lebens­wei­se. Die Yama­bu­shi lau­fen bar­fuss durch Flüs­se, medi­tie­ren unter Was­ser­fäl­len und ver­brin­gen die Nacht auf Berggipfeln. 

Ihre Leh­ren gibt es seit 1400 Jah­ren und sie erreich­ten ihren Höhe­punkt im 17. Jahr­hun­dert, als Yama­bu­shi unge­fähr 90 Pro­zent aller Dör­fer in Nord­ja­pan besuch­ten. Die Mön­che gal­ten als über­na­tür­lich, ihnen wur­den magi­sche Kräf­te nach­ge­sagt und sie berie­ten Samu­rai und Kriegs­her­ren. Doch im 19. Jahr­hun­dert, als sich Japan dem Wes­ten öff­ne­te und der Feu­dal­staat sich zu einer Indus­trie­na­ti­on ver­wan­del­te, wur­de Shu­gen­dō ver­bo­ten. Das hat­te büro­kra­ti­sche Grün­de: Um Reli­gi­on bes­ser orga­ni­sie­ren und kon­trol­lie­ren zu kön­nen, wur­den Japa­ner ent­we­der in Bud­dhis­ten oder Shin­tōis­ten ein­ge­teilt – Shu­gen­dō, eine Misch­form der bei­den, war nicht erlaubt.

Glau­be im Geheimen

Shu­gen­dō wur­de vor sei­nem Ver­bot zwar in ganz Japan als Reli­gi­on prak­ti­ziert, doch die meis­ten Orden und Schu­len refor­mier­ten sich, um den neu­en Kon­ven­tio­nen zu ent­spre­chen. Nur die Yama­bu­shi in der Prä­fek­tur Yama­ga­ta bewahr­ten ver­steckt ihre Tra­di­tio­nen. Sie prak­ti­zie­ren auf den drei hei­li­gen Ber­ge des Dewa, nahe der Stadt Tsu­ruo­ka, unge­fähr vier Zug­stun­den von Tokio ent­fernt. Das poli­ti­sche Zen­trum der Prä­fek­tur liegt jen­seits der Ber­ge; damals wie heu­te sorgt das für eine gewis­se Iso­la­ti­on, die den Mön­chen dabei half, ihre Kul­tur zu erhalten.

Nach dem Zwei­ten Welt­krieg wur­de in Japan die all­ge­mei­ne Reli­gi­ons­frei­heit ein­ge­führt und man konn­te wie­der Shu­gen­dō prak­ti­zie­ren. Doch so vie­le Mön­che, wie es sie vor dem Ver­bot gab, wur­den es nie mehr. Um Yama­bu­shi zu wer­den, muss man das Aki no Mine-Trai­ning absol­vie­ren («Der Höhe­punkt des Herbs­tes»). Im Mit­tel­al­ter konn­ten die Übun­gen zwi­schen 100 und 275 Tagen dau­ern, heu­te betrach­ten eini­ge Meis­ter das Trai­ning nach 75 Tagen oder sogar einer Woche schon als absol­viert. Im Zen­trum steht die Redu­zie­rung jeg­li­chen Kom­forts auf ein Mini­mum: Wär­me, Hygie­ne, sogar das Spre­chen. In den Ber­gen soll man füh­len und nicht den­ken, sagen die Meister.

Auf dem Berg Hagu­ro, dem wich­tigs­ten der drei hei­li­gen Ber­ge in Yama­ga­ta, kämp­fen zwei riva­li­sie­ren­de Aus­prä­gun­gen der Yama­bu­shi um die sin­ken­de Zahl der Pil­ger und Spen­den. Eine der Grup­pen schwört auf Ver­schwie­gen­heit und möch­te Aus­sen­ste­hen­de nicht in die alte Tra­di­ti­on ein­wei­hen. Die ande­re öff­net sich, lässt auch Frau­en und Aus­län­der die Übun­gen mit­ma­chen. Meis­ter Hoshi­no, Yama­bu­shi in der 13. Gene­ra­ti­on, gehört zu ihnen.

Ein Leh­rer für weni­ge Schüler

«Wer den Berg betritt, stirbt und wird neu­ge­bo­ren», sagt Meis­ter Hoshi­no, 72 Jah­re alt. Sei­ne Defi­ni­ti­on von Shu­gen­dō lau­tet: «Die Leh­re und Phi­lo­so­phie von dem, was man denkt, wenn man in der Natur ist.» Ihm geht es bei sei­nen Leh­ren aber nicht um eine Hier­ar­chie, Meis­ter Hoshi­no möch­te Yama­bu­shi aus­bil­den, auf dass die­se dann selbst aus­zie­hen und eige­ne Mön­che aus­bil­den. Er schätzt, dass im Raum Tsu­ruo­ka weni­ger als hun­dert Anhän­ger ihm fol­gen. Die Anzahl der Yama­bu­shi im heu­ti­gen Japan ist schwie­rig zu ermit­teln, da fast alle von ihnen ein nor­ma­les Leben mit Arbeit und einer Fami­lie führen.

So bekommt auch Meis­ter Hoshi­no zwar Spen­den von Pil­gern, sei­nen Lebens­un­ter­halt ver­dient der Rent­ner aber mit dem Betrei­ben einer Her­ber­ge. Noch vor 30 Jah­ren, so beschreibt es der Meis­ter, gab es 300 Her­ber­gen in Tsu­ruo­ka. Heu­te sind es nur noch 30 und der Meis­ter schätzt, dass es in 20 Jah­ren nur noch zehn sein wer­den, die übrig sind. 

Die geleb­te Reli­gi­ons­frei­heit in Japan bedeu­tet, dass vie­le sich mehr als einer Reli­gi­on zuge­hö­rig füh­len: In einer Unter­su­chung von 2017 geben 80 Pro­zent aller Japa­ner an, Shin­tois­ten zu sein, aber auch zu 66 Pro­zent Bud­dhis­ten und 1,5 Pro­zent Chris­ten. Aller­dings sehen sich auch 60 Pro­zent aller Japa­ner als Athe­is­ten und nicht son­der­lich gläu­big. Der Begriff Reli­gi­on ist ambi­va­lent in Japan und nur weni­ge bege­ben sich heu­te auf eine Pil­ger­fahrt – und wenn, dann ist die Moti­va­ti­on eine andere. 

Wel­ches Leben möch­te man leben

Für Kato Take­ha­ru, ein Schü­ler von Meis­ter Hoshi­no, war die Geburt sei­nes Soh­nes der Grund, sein Leben zu ändern und Mönch zu wer­den. Vor sei­nem Umzug nach Tsu­ruo­ka leb­te er in Ueno, ein Stadt­teil im Nor­den von Tokio. Er arbei­te für die ältes­te Wer­be­fir­ma in Japan, ein gut­be­zahl­ter Job. Doch glück­lich war er nicht. Bei einer Geschäfts­rei­se lern­te er Meis­ter Hoshi­no ken­nen und kam so mit den Yama­bu­shi in Berüh­rung. Kur­ze Zeit spä­ter zog er mit sei­ner Fami­lie aufs Land nach Yama­ga­ta und wur­de Mönch. «Ich woll­te mei­nem Sohn nicht vor­le­ben, wie es ist, ein trau­ri­ger Erwach­se­ner zu sein», sagt der heu­te 52-Jäh­ri­ge. Inzwi­schen hat er das Aki no Mine-Trai­ning schon sechs­mal absolviert.

Die Ent­schei­dung fiel nicht leicht; es gilt als Ver­sa­gen, nach dem Leben in einer gros­sen Stadt wie­der auf das Land zu zie­hen. Aber zurück­bli­ckend war es für ihn die rich­ti­ge Ent­schei­dung: «Mein Leben hat sich zu 95 Pro­zent ver­bes­sert», sagt er. «Ich ver­mis­se nur die merk­wür­di­gen Men­schen aus der Stadt manchmal.»

Doch die Infra­struk­tur in der Regi­on ist seit Jahr­zehn­ten schwach, wich­tigs­ter Wirt­schafts­fak­tor ist der Anbau von Reis. Der Man­gel an Indus­trie liess die Natur­land­schaft und alte Stät­ten unbe­rührt. Das half den Yama­bu­shi in den letz­ten Jahr­hun­der­ten, ihre uralte Tra­di­ti­on zu bewah­ren. Die Fra­ge bleibt, wie lan­ge noch.

Ich habe die Yama­bu­shi im Win­ter 2017/2018 besucht, zu einer Zeit, in der sich viel in mei­nem Leben änder­te. Ich war fas­zi­niert von ihrer Suche nach der inne­ren Ruhe und der Balan­ce zwi­schen Mensch und Natur. Die Mön­che im Wald und der Tem­pel im Schnee gehö­ren zu den schöns­ten Bil­dern die ich je gedreht habe. Mehr zum Hin­ter­grund des Fil­mes und der Art, wie ich ihn umge­setzt habe, gibt es hier.

Foto: Fritz Schu­mannDie Mön­che beten vor einem Was­ser­fall auf dem Berg Hagu­ro. Das gan­ze Jahr über trai­nie­ren Yama­bu­shi hier und ihre Trom­pe­ten­mu­scheln hört man im gan­zen Wald.
Foto: Fritz Schu­mannMeis­ter Hoshi­no spiel­te 2017 eine Gott­heit wäh­rend der Zere­mo­nie, die mit drei ande­ren Göt­tern (eben­falls durch Mön­che dar­ge­stellt) um die Auf­tei­lung des Lan­des rin­gen. Das Ritu­al sym­bo­li­siert auch die ver­schie­de­nen riva­li­sie­ren­den Yama­bu­shi-Frak­tio­nen, die sich auf Berg Hagu­ro befinden.
Foto: Fritz Schu­mann.Bei der Zere­mo­nie Shorei­sai zu Sil­ves­ter wer­den rie­si­ge Bün­del aus Stroh in Brand gesteckt und von zwei Teams mit je hun­dert Ein­hei­mi­schen gezo­gen, um einen Pfahl anzuzünden.
Foto: Fritz Schu­mannDas Team, wel­ches zuerst das Feu­er legt, garan­tiert den Segen, ent­we­der für den Reis­an­bau oder die Fische­rei im nächs­ten Jahr. 2017 schaff­te es kein Team, also haben bei­de für sich den Sieg beansprucht.
Foto: Fritz Schu­mannKato Take­ha­ru zog 2012 nach Tsu­ruo­ka in der Prä­fek­tur Yama­ga­ta und wur­de kur­ze Zeit spä­ter Yama­bu­shi. Er ent­schied sich zu die­ser gros­sen Ver­än­de­rung, weil er mit sei­nem Leben in Tokio unzu­frie­den war.
Foto: Fritz Schu­mann«Die Leh­re und Phi­lo­so­phie von dem, was man denkt, wenn man in der Natur ist», lau­tet die Meis­ter Hoshi­nos Defi­ni­ti­on von Shugendō.
Foto: Fritz Schu­mannDas Gelän­de vom Sanzan-Gosai-den Tem­pel im Neu­schnee. Das gros­se Torii im Hin­ter­grund sym­bo­li­siert den Ein­gang zum Reich der Götter.
Foto: Fritz Schu­mannDie Yama­bu­shi prak­ti­zie­ren zwar draus­sen in der Natur, aber der bud­dhis­ti­sche Sanzan-Gosai-den Tem­pel auf Berg Hagu­ro gilt als wich­ti­ge Meditationstätte.
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