Das abrup­te Ende der Aufbruchsstimmung

Foto: Depo​sit​pho​tos​.comBis 18. Juni 2020 geschlos­sen: Die Burg von Kokura.

Ähn­lich wie in der Schweiz ist in Japan in den ver­gan­ge­nen Tagen Ruhe ein­ge­kehrt. Die Zahl der Neu­an­ste­ckun­gen hat sich im tie­fen zwei­stel­li­gen Bereich sta­bi­li­siert. Am Mon­tag hat­te die Regie­rung den Covid-19-Not­stand schliess­lich auch für die Prä­fek­tu­ren Hok­kai­do sowie Tokio-Chi­ba-Kana­ga­wa-Saita­ma auf­ge­ho­ben. Zuvor wur­den bereits 39 Prä­fek­tu­ren aus die­sem Aus­nah­me­zu­stand ent­las­sen. In eini­gen Regio­nen hat­te man seit Wochen kei­nen ein­zi­gen neu­en Fall mehr regis­triert, wie zum Bei­spiel in der Mil­lio­nen­stadt Kitakyus­hu auf der Süd­in­sel Kyushu. 

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Am 1. April war dort der Höhe­punkt der Kri­se mit 21 Covid-19-Fäl­len erreicht. Danach flach­te die Wel­le kon­ti­nu­ier­lich ab. Seit dem 30. April wur­de kein ein­zi­ger Fall mehr ver­zeich­net. Auch hier hat­te man sich in den ver­gan­ge­nen Tagen dar­an gemacht, die Wirt­schaft wie­der in die Gän­ge zu brin­gen. Muse­en, Biblio­the­ken und Sehens­wür­dig­kei­ten wur­den wie­der eröff­net. Am Diens­tag emp­fing die loka­le Koku­ra-Burg die ers­ten Besu­cher wie­der. Fast drei Mona­te lang war der Zutritt verboten. 

Jeden Tag neue Fälle

Nun ist die Auf­bruchs­stim­mung jedoch abrupt zu Ende. Am 23. Mai wur­den drei Per­so­nen in Kitakyus­hu posi­tiv getes­tet. Sechs Tage spä­ter war die Zahl der Neu­in­fi­zier­ten auf 43 hoch­ge­schnellt (Stand: 28. Mai). Davon konn­ten 21 Anste­ckun­gen nicht zurück­ver­folgt wer­den. Die Fäl­le ereig­ne­ten sich in 6 der 7 Stadt­be­zir­ke. Bür­ger­meis­ter Ken­ji Kita­ha­shi schlug ges­tern Alarm. Falls es in die­sem Tem­po wei­ter­ge­he, dro­he Kitakyus­hu in eine zwei­te Wel­le mit einem womög­lich expo­nen­ti­el­len Wachs­tum zu geraten. 

Damit ist schnel­ler als erwar­tet ein Sze­na­rio ein­ge­tre­ten, mit dem alle Län­der irgend­wann in der Post-Not­stands­pha­se kon­fron­tiert sein wer­den. Kitakyus­hu hat reagiert. 43 öffent­li­che Orte wur­den geschlos­sen, von der Stadt geplan­te Ver­an­stal­tun­gen abge­sagt. Die Koku­ra-Burg darf nur zwei Tage nach ihrer Eröff­nung kei­ne Besu­cher mehr emp­fan­gen. Die Bewoh­ner wur­den zudem auf­ge­ru­fen, den eige­nen Bewe­gungs­ra­di­us mög­lichst ein­zu­schrän­ken. Aus­ser­dem wur­de ein Exper­ten­team des Gesund­heits­mi­nis­te­ri­ums in die Stadt entsandt. 

Ana­log und effek­tiv: Japans Contact-Tracing

Nun geht es dar­um, sämt­li­che neu­en Covid-19-Fäl­le genau­es­tens zu ana­ly­sie­ren, um eine wei­te­re Aus­brei­tung zu ver­hin­dern. Das japa­ni­sche Gesund­heits­we­sen arbei­tet hier­bei mit einem ana­lo­gen aber äus­serst effek­ti­ven Kon­takt­ver­fol­gungs-Sys­tem, das Clus­ters auf­spürt und sämt­li­che Mit­glie­der die­ser gefähr­de­ten Grup­pe aus­nahms­los iso­liert. Dabei erhält jeder Fall eine Num­mer. Der Krank­heits­ver­lauf sowie die Akti­vi­tä­ten der Erkrank­ten wer­den Tag für Tag rekon­stru­iert und ohne Nen­nung des Namens online publi­ziert (hier ein Bei­spiel). Poten­zi­el­le Risi­ko­or­te, wie der Arbeits­ort oder eine Schu­le, wer­den genannt und die dazu­ge­hö­ri­gen Mass­nah­men beschrie­ben (hier ein Bei­spiel). Ein gros­ser Teil der gest­ri­gen Covid-19-Fäl­le ist bei­spiels­wei­se auf ein Kran­ken­haus zurück­zu­füh­ren, wo sich min­des­tens 11 Ange­stell­te ange­steckt haben. 

Dank die­ser Metho­de kann jeder online nach­schau­en, ob er einem Infek­ti­ons­ri­si­ko mög­li­cher­wei­se aus­ge­setzt war. Japan hat die­se Form der kon­se­quen­ten Kon­takt­ver­fol­gung stets auf­recht­erhal­ten, selbst als die Fäl­le rasant zunah­men. Die­ses Sys­tem mag ein Grund dafür sein, dass der Insel­staat die Epi­de­mie ver­gleichs­wei­se gut kon­trol­lie­ren konn­te und stets die Über­sicht über die gros­sen Clus­ter-Bil­dun­gen im Land besass. Übri­gens hat Chris­ti­an Dros­ten, Lei­ter der Viro­lo­gie in der Ber­li­ner Cha­rité, die­se Vor­ge­hens­wei­se der frü­hen Clus­ter-Erken­nung und der sofor­ti­gen Iso­lie­rung von des­sen Mit­glie­dern im gest­ri­gen NDR-Pod­cast vom 28. Mai 2020 (Fol­ge 44) als ein vor­bild­li­ches Bei­spiel hervorgehoben. 

Ab Mit­te Juni kommt die App

In Kitakyus­hu wird man sich ein wei­te­res Mal auf die­ses ana­lo­ge Kon­takt­ver­fol­gungs-Sys­tem ver­las­sen müs­sen, um Schlim­me­res zu ver­hin­dern. Zusätz­lich wird Japan Mit­te Juni eine «Con­tact Tracing»-App ein­füh­ren, die mit der schwei­ze­ri­schen fast iden­tisch ist. Via Blue­tooth sol­len so Begeg­nun­gen von maxi­mal 1 Meter Distanz und einem Zeit­raum von über 15 Minu­ten auto­ma­tisch regis­triert wer­den. Wäh­rend 14 Tagen wer­den die­se im Smart­pho­ne ver­schlüs­selt gespei­chert. Dies ermög­licht, all­fäl­lig gefähr­de­te Per­so­nen zu benachrichtigen. 

Das Sys­tem wird wie in der Schweiz auf Frei­wil­lig­keit basie­ren. Regie­rungs­chef Shin­zo Abe hat die App als ein wich­ti­ges Instru­ment in der Bekämp­fung des Coro­na­vi­rus bezeich­net. Die Hoff­nung ist gross, dass damit eine wei­te­re Not­la­ge und ein Lock­down ver­hin­dert wer­den kann, sofern bei die­sem Pro­jekt über 60 Pro­zent der Bevöl­ke­rung mitmachen.

Update, 30. Mai 2020

Nach acht Tagen ist die Gesamt­zahl der Covid-19-Fäl­­le in Kitakyus­hu auf 85 angestiegen.

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