Japans effi­zi­en­tes Contact-Tracing

Foto: Depositphotos.comIm Nachtleben verbreitet sich das Virus besonders einfach: Das Vergnügungsviertel Kabu­ki­cho in Shinjuku, Tokio.

In Japan war in den vergangenen Wochen Ruhe eingekehrt. Ähnlich wie in der Schweiz hatten sich die neuen Covid-19-Fälle1 auf einem tiefen Niveau eingependelt. Tokio mit 14 Millionen Einwohnern verzeichnete tagelang weniger als 20 Neuansteckungen. In vielen Präfekturen gab es gar keine Fälle mehr. Die allermeisten Restriktionen wurden daraufhin gelockert (Asienspiegel berichtete). Nun aber steigen die Zahlen wieder an. In Tokio waren es an vier Tagen hintereinander über 50. Das gab es seit Anfang Mai nicht mehr.

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Zudem offenbart sich eine neue Tendenz. Betroffen sind inzwischen zum Grossteil jüngere Menschen zwischen 20 und 39 Jahren. Gestern waren beispielsweise 46 der 58 Neuinfizierten in Tokio in dieser Alterskategorie. Im Wochenrückblick bestätigt sich diese Entwicklung. Von den 334 Covid-19-Fällen in der vergangenen Woche waren 71 Prozent zwischen 20 und 39 Jahren. In ganz Japan liegt die Zahl der Neuansteckungen zurzeit bei etwas mehr als 100 pro Tag.

Nachtleben und Karaoke

Gesundheitsministerium JapanEin leichter Anstieg: Die Ent­wick­lung der Covid-19-Anste­­ckun­­gen in Japan vom 23. Janu­ar bis 28. Juni 2020.

Tokio bleibt somit einen Monat nach Ende des landesweiten Covid-19-Notstandes der Hotspot der Corona-Krise (Asienspiegel berichtete). Dabei zeigt sich, dass das Nachtleben eine besondere Herausforderung ist. Oft ist die Hälfte der Fälle auf Host- und Hostessen-Clubs zurückzuführen. Hier wird in engem Kontakt2 viel gesprochen, getrunken, gesungen, die Lüftung ist nicht selten unzureichend und nicht immer wird bei den Gesprächen eine Maske getragen (Asienspiegel berichtete).

Derweil hat man in Hokkaido einen anderen Infektionsherd ausfindig gemacht. Es sind die kleinen Snack-Bars, in denen viele Rentner auch tagsüber gerne Karaoke singen. Wiederholt kam es so zu Ansteckungen. Die Nordinsel bleibt neben dem Grossraum Tokio der zweite Hotspot im Land.

Kein neuer Notstand geplant

Gesundheitsministerium JapanDie 3 Cs, die es zu vermeiden gibt.

Die Entwicklung ist beunruhigend, aber nicht dramatisch. Das Gesundheitssystem ist nicht am Anschlag. Die Experten der Regierung möchten nicht von einer zweiten Welle sprechen. Chefkabinettssekretär Yoshihide Suga betonte gestern, dass zurzeit keine Ausrufung eines Notstandes geplant sei3. Bezüglich einer neuerlichen Forderung, die Reisetätigkeit einzuschränken, hält sich die Regierung ebenfalls zurück.

Vielmehr gilt in Japan weiterhin das Maskentragen an öffentlichen Orten und die Vermeidung der «3 Cs»: Keine engen Räumlichkeiten («Closed Spaces»), keine dicht gedrängten Ansammlungen («Crowded Places») und keine engen Kontakte («Close-Contact Settings») (Asienspiegel berichtete)4.

Der Fall Kitakyushu

city.kitakyushu.lg.jpDie zweite Welle in Kitakyushu ist überwunden.

Japan hat übrigens schon einmal bewiesen, dass es mit neuen Ausbrüchen und lokalen zweiten Wellen nach dem Ende des Notstandes umzugehen weiss. Dabei setzt das Land auf ein telefonisches Kontaktverfolgungs-System5. Die lokalen Gesundheitsämter6 spüren so Clusters auf und setzen sämtliche Mitglieder eine gefährdeten Gruppe ausnahmslos unter Quarantäne (Asienspiegel berichtete). Das Personal dieser 469 Gesundheitsämter im Land ist seit Jahren darauf geschult, die Verbreitungswegen von Infektionskrankheiten in detektivischer Arbeit zurückzuverfolgen und so in Schach zu halten.

Mit dieser Methode, die inzwischen international wiederholt gelobt wurde (Asienspiegel berichtete), konnte beispielsweise im Juni eine zweite Welle in der Millionenstadt Kitakyushu (Asienspiegel berichtete) relativ schnell unter Kontrolle gebracht werden (siehe Grafik).

Die Contact-Tracing-App

Apple App StoreJapans Con­t­act-Tra­cing-App.

Zusätzlich zu diesem System hat Japan eine Contact-Tracing-App7 aufgeschaltet, die fast identisch mit der schweizerischen ist (Asienspiegel berichtete). Nach ersten Fehlern soll sie künftig zu einem wichtigen Hilfsmittel in der Bekämpfung der Corona-Krise werden. Noch bleibt sie eine Ergänzung. Bis zum 26. Juni haben erst 4,46 Millionen Menschen die App heruntergeladen. Für einen effek­ti­ven Nut­zen müss­ten jedoch 60 Pro­zent der Bevöl­ke­rung COCOA benut­zen, also rund 75 Mil­lio­nen.

  1. 感染者 | kan­sen­sha | der Infizierte
  2. 濃厚接触 | nōkō­sess­ho­ku | enger Kontakt
  3. 緊急事態宣言 | kin­kyū jit­ai sen­gen | die Aus­ru­fung des Notstandes
  4. Hier­zu hat sich auf Japa­nisch der Begriff «密です» (Mit­su desu / «Es ist eng») etabliert
  5. 接触者追跡 | sess­ho­ku­sha tsui­se­ki | die Ver­fol­gung von Kontaktpersonen
  6. 保健所 | hokens­ho | das Gesundheitsamt
  7. 接触確認アプリ | sess­ho­ku kaku­nin apu­ri | Contact-Tracing-App

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