100 Jah­re Büro­ar­beit in Japan

«100 Years of Work». Film: Smar­tHR / Youtube

«100 Years of Work» heisst ein neu­er Wer­be­film (sie­he oben) der japa­ni­schen Fir­ma Smar­tHR, die sich auf die Digi­ta­li­sie­rung des Per­so­nal­we­sens spe­zia­li­siert hat. Es ist ein zwei­mi­nü­ti­ger lie­be­voll gestal­te­ter Bei­trag, die die Kul­tur der moder­nen Büro­ar­beit der ver­gan­ge­nen 100 Jah­re mit nost­al­gi­schen Bil­dern Revue pas­sie­ren lässt. Um dem Werk einen ein­zig­ar­ti­gen Retro-Stil zu ver­lei­hen, wur­de der japa­ni­sche Künst­ler Moto­cross Saitō beauf­tragt. Er hat sich einen Namen als Pixel-Künst­ler gemacht. Sei­ne Welt sind ver­zü­cken­den All­tags­bil­der im digi­ta­len Stil der 1980er. «100 Years of Work» ist ein ästhe­tisch und erzäh­le­risch gelun­ge­ner Rück­blick auf die moder­ne japa­ni­sche Arbeits­welt, die sich mit jedem Jahr­zehnt neu erfun­den hat. 

Sze­nen aus dem Film

1920er

Smar­tHRDas Büro in den 1920ern.

Der Film beginnt in den 1920ern. Nach Jahr­zehn­ten der inten­si­ven Indus­tria­li­sie­rung und Moder­ni­sie­rung des Lan­des nimmt die moder­ne Büro­ar­beit in die­ser Deka­de einen immer wich­ti­ge­ren Platz ein. Der Begriff Sala­ry­man ent­steht und ist bis heu­te ein prä­gen­der Begriff für den Büro­ar­bei­ter geblie­ben. Für die Frau­en wur­de damals der Aus­druck Shu­ku­gyō fujin, «die erwerbs­tä­ti­ge Dame», ver­wen­det. In der Nach­kriegs­zeit soll­te sich schliess­lich Office Lady (OL) durch­set­zen. Auf­fäl­lig in die­ser Sze­ne ist die Klei­dung. Der Mann ist west­lich modern, die Frau tra­di­tio­nell japa­nisch gekleidet. 

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1940er

Smar­tHRKrieg und Wie­der­auf­bau: Die tur­bu­len­ten 1940er.

Die 1940er wer­den zum Jahr­zehnt des Umbruchs. In der ers­ten Hälf­te domi­niert die mili­tä­risch gepräg­te Zivi­lis­ten­kriegs­uni­form (jp. Koku­min­fu­ku). Nach dem Krieg wird das Mili­tär durch die Wirt­schaft ersetzt. Der Geschäfts­an­zug prägt fort­an das urba­ne Alltagsbild. 

Smar­tHRDer Anzug in den Nachkriegsjahren.

1950er

Smar­tHRAn einem heis­sen Som­mer­tag in den 1950ern.

Der Sala­ry­men mit Horn­bil­le ist nun tag­täg­lich mit dem Wie­der­auf­bau des Lan­des und der Wirt­schaft beschäf­tigt. Mit Ven­ti­la­to­ren küh­len sich die Büro­ar­bei­ter an heis­sen Som­mer­ta­gen ab. Papier­ber­ge und ein Tele­fon mit Wähl­schei­be wer­den zu den wich­tigs­ten Beglei­tern im All­tag eines Ange­stell­ten. Im Hin­ter­grund sieht man Schutz­hel­me für die Besich­ti­gung von Bau­stel­len. Es ist ein Hin­weis auf die inten­si­ven Bau­tä­tig­kei­ten in jener Deka­de, in der auch die lebens­lan­ge Beschäf­ti­gung und das Senio­ri­täts­prin­zip zu tra­gen­den Säu­len der Wir­schaft werden.


1960er

Smar­tHRZei­chen des neu­en Wohl­stands: Eine Shink­an­sen-Fahrt 1969.

Japan tritt in die Pha­se des wirt­schaft­li­chen Hoch­wachs­tums ein. Zum Sym­bol dafür wird die Eröff­nung der Shink­an­sen-Stre­cke, die die Fahr­zeit zwi­schen den Metro­po­len Tokio und Osa­ka von 6 auf 4 Stun­den redu­ziert. Es ist Juli 1969. Der Sala­ry­man liest in der Zei­tung von der Mond­lan­dung der Ame­ri­ka­ner. Ein wei­te­rer Pas­sa­gier zieht genüss­lich an sei­ner Ziga­ret­te. Japan erlebt nach vie­len ent­beh­rungs­rei­chen Jah­ren eine Zeit des ers­ten Wohlstands. 


1970er

Smar­tHRDie Pend­ler­höl­le im Bahn­hof Shin­juku der 1970er.

Das japa­ni­sche Wirt­schafts­wun­der hat nicht nur posi­ti­ve Sei­ten. Tokio ist voll­ends zu einer Mega-City gewor­den. Leb­ten 1945 erst 3,5 Mil­lio­nen Men­schen in der japa­ni­schen Haupt­stadt, sind es in den 1970ern 11 Mil­lio­nen. Die «Pend­ler­höl­le» (jp. tsū­kin jigo­ku) wird zur neu­en Nor­ma­li­tät. Büro­ar­bei­ter wer­den im Bahn­hof Shin­juku regel­recht in den Zug gedrückt. Eine Aus­las­tungs­ra­te von 300 Pro­zent ist nichts Ungewöhnliches.


1980er

Smar­tHRArbei­ten bis zum Umfal­len in der Bub­b­le-Wirt­schaft der 1980er.

Es ist die Zeit der Wirt­schafts­bla­se und des Exzes­ses. Es wird viel ver­dient, viel aus­ge­ge­ben und gefei­ert. Über­stun­den errei­chen eine neue Dimen­si­on. Begrif­fe wie Kigyō Sen­shi (dt. «Unter­neh­mens­sol­dat») und Mōret­su Shain (dt. «der mör­de­risch arbei­ten­de Fir­men­an­ge­stell­te») fin­den Ein­gang in die japa­ni­sche Spra­che. In die­ser Sze­ne sieht man einen rau­chen­den Sala­ry­man bei der Arbeit und zwei schla­fen­de Kol­le­gen im Büro. Es ist 2:30 Uhr in der Nacht. Die digi­ta­le Schreib­ma­schi­ne Wāpu­ro ist nun das Stan­dard­ar­beits­ge­rät. Zugleich erlebt die nächt­li­che Aus­geh­kul­tur einen Höhe­punkt in jenen Jah­ren. Nomi­ni­keshon, das gemein­sa­me Trin­ken zur För­de­rung der Arbeits­be­zie­hun­gen, wird zum geflü­gel­ten Wort.

Smar­tHRDas boo­men­de Nacht­le­ben der 1980er.

1990er

Smar­tHR1990er: Der Sie­ges­zug des Desktop-Computers.

1992 ist der Wirt­schaftstraum zu Ende. Die Bla­se platzt, das Land stürzt in eine tie­fe Kri­se. Vom ver­lo­re­nen Jahr­zehnt wird spä­ter die Rede sein. Zugleich macht die Digi­ta­li­sie­rung Fort­schrit­te. Der Desk­top-Com­pu­ter und das kabel­lo­se Fest­netz-Tele­fon wer­den zu den neu­en Arbeits­ge­rä­ten. Vie­le Gewohn­hei­ten blei­ben. Vom Han­ko-Stem­pel, Fax-Gerät und Papier wer­den sich die Japa­ner noch lan­ge nicht lösen. Die Revi­si­on des Gleich­stel­lungs­ge­set­zes 1997 soll zudem hel­fen, glei­che Rech­te für die arbei­ten­de Frau zu schaf­fen. Es soll­te ein lan­ger, stei­ni­ger Weg bleiben. 


2010er

Smar­tHRSmart­pho­ne und Lap­top: Fle­xi­bles Arbei­ten in den 2010ern.

Das Smart­pho­ne und der Lap­top sind nun die domi­nie­ren­den Arbeits­ge­rä­te. Das Wifi ermög­licht, eine fle­xi­ble­re Arbeits­kul­tur. Cafés wer­den zum neu­en Büro. Zugleich befin­det sich Japans Büro­ar­bei­ter-Kul­tur im Umbruch. Die Behör­den ver­su­chen, das Pro­blem der nicht bezo­ge­nen bezahl­ten Urlaubs­ta­ge und der töd­li­chen Über­stun­den mit neu­en Ansät­zen zu lösen. 


Heu­te

Smar­tHRDas Büro in der Corona-Pandemie.

«100 Years of Work» schliesst mit einem Blick auf die Gegen­wart ab. Gesichts­mas­ken, Des­in­fek­ti­ons­mit­tel, Trenn­wän­de und das Home­of­fice wer­den im Ange­sicht der Coro­na-Pan­de­mie zum Nyū Nōma­ru («new nor­mal»). Im Film wird zuletzt die Gleich­be­rech­ti­gung the­ma­ti­siert, mit einem Ehe­mann, der sich um das Kind küm­mert und einer Ehe­frau, die in die Arbeit ver­tieft ist. 

Es bleibt eine Welt im Umbruch. Die Digi­ta­li­sie­rung, die Pan­de­mie, der Bevöl­ke­rungs­rück­gang und die Über­al­te­rung der Gesell­schaft wer­den Japans Arbeits­welt auch in den kom­men­den Jah­ren nach­hal­tig verändern.

Smar­tHRJapans Gegen­wart: Home­of­fice und mehr Gleichberechtigung.

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