Gross­raz­zia auf dem Campus

Screen­shot: youtube/​ANN NewsGeran­gel mit den Stu­den­ten auf dem Gelän­de der Uni­ver­si­tät Kyoto.

Japans jun­ger Gene­ra­ti­on hängt der Ruf nach, völ­lig apo­li­tisch zu sein. Nach der AKW-Unfall von Fuku­shi­ma frag­ten sich vie­le im Wes­ten, wes­halb nicht mehr jun­ge Men­schen – wie bei­spiels­wei­se in Hong­kong die­ses Jahr – auf die Bar­ri­ka­den gin­gen und poli­tisch aktiv wurden.

Tat­säch­lich hat Japan Jahr­zehn­te des Nie­der­gangs der poli­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung in der Gesell­schaft hin­ter sich. Lan­ge ver­schrieb sich das Land dem Wirt­schafts­wachs­tum und dem Kon­sum. Ein Gross­teil des Fern­seh­pro­gramms besteht bis heu­te vor­nehm­lich aus Rei­se-, Essens- und seich­ten Unter­hal­tungs­sen­dun­gen. Doch das war nicht immer so.

Nach dem Zwei­ten Welt­krieg bis in die 1970er-Jah­re hin­ein, war Japans Jugend stark poli­ti­siert. Die Pro­tes­te gegen das Sicher­heits­ab­kom­men mit den USA, die Stu­den­ten­aus­schrei­tun­gen an den Uni­ver­si­tä­ten, die Demons­tra­tio­nen gegen den Viet­nam-Krieg oder der gewalt­tä­ti­ge Wider­stand gegen den Bau des Inter­na­tio­na­len Flug­ha­fens Nari­ta haben die Nach­kriegs­ge­schich­te Japans geprägt. Danach folg­te eine lan­ge Stil­le. Man zog sich zurück ins Private.

Geran­gel auf dem Uni-Gelände

Doch die­se Woche stell­te eine Raz­zia im Wohn­heim der Eli­te-Uni­ver­si­tät Kyo­to das Bild der apo­li­ti­schen japa­ni­schen Jugend auf den Kopf. Rund 120 Poli­zis­ten mit Hel­men, Schlag­stö­cken und schuss­si­che­ren Wes­ten aus­ge­rüs­tet, betra­ten das Gelän­de, wie die Mai­ni­chi Shim­bun berich­te­te. Eine Grup­pe links­ge­rich­te­ter Stu­den­ten mit Hel­men und Son­nen­glä­sern stell­te sich ihnen in den Weg und for­der­ten laut der Sank­ei Shim­bun wütend einen Durch­su­chungs­be­fehl. Nach einem Geran­gel kon­fis­zier­te die Poli­zei schliess­lich Doku­men­te, die der Chu­ka­ku-ha gehö­ren sollen.

Es han­delt sich um eine Grup­pie­rung von links­ge­rich­te­ten Akti­vis­ten, die seit den 1960-ern bei allen gros­sen Pro­test­be­we­gun­gen in Japan unz­im­per­lich aktiv war. Gera­de an der Uni­ver­si­tät Kyo­to hat die Chu­ka­ku-ha eine lan­ge Geschich­te. Noch 1990, als es um die mög­li­che Ent­sen­dung von japa­ni­schen Sol­da­ten beim Golf­krieg ging, besetz­te sie die Uni­ver­si­tät. Bis heu­te beschäf­tigt die Grup­pe die Polizei. 

Die Ver­haf­tung drei­er Studenten

Der Raz­zia vor­aus ging eine Ver­haf­tung drei­er Stu­den­ten der Uni­ver­si­tät Kyo­to an einer Gewerk­schafts­de­mo in Tokio am 2. Novem­ber. Die­se Stu­den­ten, die offen­bar der Chu­ka­ku-ha ange­hö­ren, hat­ten sich damals den Poli­zis­ten in den Weg gestellt und sich eine Ran­ge­lei geleistet.

Zwei Tage spä­ter pro­tes­tier­te ein Teil der Stu­den­ten­schaft in der Uni­ver­si­tät Kyo­to gegen die Ver­haf­tun­gen. Dabei kam es zu einem Zwi­schen­fall, als ein Poli­zist in Zivil­klei­dung, der die Akti­vi­tä­ten ver­folg­te, auf­flog. Er wur­de zur Rede gestellt. Denn die­ses Vor­ge­hen ver­stiess gegen eine Abma­chung, wonach die Poli­zei ihre Prä­senz in der Uni­ver­si­tät Kyo­to ankün­di­gen muss.

Die­se Span­nun­gen waren der Grund, wes­halb die Poli­zei für die­se Raz­zia die­ser Woche in gros­ser Anzahl auf dem Gelän­de erschien. Es waren Bil­der, die es so an einer japa­ni­schen Uni­ver­si­tät schon lan­ge nicht mehr gab und manch einen an die Stu­den­ten­pro­tes­te in den 1960er-Jah­ren erinnerte.

Die Poli­ti­sie­rung der Jugend

Die links­ra­di­ka­len Akti­vis­ten sind heu­te eine klei­ne Min­der­heit und den­noch steht die­se unge­wöhn­li­che Gross­raz­zia auf dem Uni­ver­si­täts­ge­län­de auch sinn­bild­lich für den der­zei­ti­gen poli­ti­schen Wan­del in der japa­ni­schen Gesellschaft.

Spä­tes­tens seit der AKW-Unfall und dem Amts­an­tritt des kon­ser­va­ti­ven Pre­miers Shin­zo Abe, der die Kern­kraft­wer­ke wie­der ans Netz brin­gen will und Japans Mili­tär eine stär­ke­re Bedeu­tung geben will (Asi­en­spie­gel berich­te­te), steht das Land vor einem Schei­de­weg. Dies wird auch die Stu­den­ten­schaft nicht kalt lassen.

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