Vom Streit zur Städtediplomatie

Screen­shot: youtube/​Tokyo MXYoi­chi Masu­zoe kün­digt sei­nen Besuch in Peking an.

Nur weni­gen ist bekannt, dass Tokio und Peking 1979 eine offi­zi­el­le Städ­te­part­ner­schaft ein­ge­gan­gen sind. Aus­ser­dem sind die Chi­ne­sen mit über 160’000 Ein­woh­nern die gröss­te aus­län­di­sche Min­der­heit in der japa­ni­schen Haupt­stadt. Die bei­den Metro­po­len hät­ten genug Grün­de, um einen inten­si­ven Aus­tausch zu pflegen.

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Als der natio­na­lis­tisch gepräg­te Poli­ti­ker Shin­t­a­ro Ishiha­ra jedoch 1999 Gou­ver­neur Tokios wur­de, kühl­ten sich die Bezie­hun­gen ab. Und spä­tes­tens seit er die Strei­tig­kei­ten um die Sen­ka­ku-Inseln anfach­te, indem er 2012 ankün­dig­te, im Namen der Prä­fek­tur Tokio eini­ge der Inseln von ihren japa­ni­schen Pri­vat­be­sit­zern zu erwer­ben (Asi­en­spie­gel berich­te­te), herrscht zwi­schen Chi­na und Japan eine poli­ti­sche Eiszeit.

Pre­mier­mi­nis­ter Shin­zo Abe war­tet seit sei­nem Amts­an­tritt ver­geb­lich auf ein Gip­fel­tref­fen mit dem gros­sen Nach­barn. Und solan­ge Abe nicht auf wei­te­re Besu­che im Yas­uku­ni-Schrein ver­zich­te, wer­de es kein Tref­fen auf höchs­ter Ebe­ne geben, hat die chi­ne­si­sche Regie­rung erst kürz­lich ver­lau­ten lassen.

Nun hat sich aber eine neue diplo­ma­ti­sche Tür geöff­net. Denn seit Febru­ar heisst der neue Gou­ver­neur Yoi­chi Masu­zoe und die­ser scheint zu Peking einen guten Draht haben.

Offi­zi­el­le Ein­la­dung aus Peking

So hat die chi­ne­si­sche Haupt­stadt Masu­zoe zu einem drei­tä­gi­gen Besuch ein­ge­la­den. Es ist das ers­te Mal seit 18 Jah­ren, dass ein Tokio­ter Gou­ver­neur in offi­zi­el­ler Funk­ti­on nach Peking reist. Der Besuch zwi­schen dem 24. und 26. April soll vor­nehm­lich zur För­de­rung des Aus­tau­sches zwi­schen den bei­den Metro­po­len die­nen, heisst es. Masu­zoe wird sich dabei mit Pekings Bür­ger­meis­ter Wang Ans­hun treffen.

Laut Masu­zoe wer­de ein Ziel der Rei­se sein, als Orga­ni­sa­tor der Som­mer­spie­le 2020 von den olym­pi­schen Erfah­run­gen Pekings zu ler­nen. Gleich­zei­tig möch­te der Gou­ver­neur sei­ne Hil­fe bei der Bekämp­fung des anhal­ten­den Smogs in der chi­ne­si­schen Metro­po­le anbie­ten (Asi­en­spie­gel berich­te­te).

Masu­zoe weiss, dass sein Besuch noch weit mehr Bedeu­tung hat. Die Städ­te­di­plo­ma­tie ver­spricht einen Aus­weg aus der Sack­gas­se auf natio­na­ler Ebe­ne. Es ist die ers­te sicht­ba­re poli­ti­sche Annä­he­rung seit vie­len Mona­ten. Ein Tref­fen Masu­zoes mit dem chi­ne­si­schen Bot­schaf­ter in Tokio hat die Ein­la­dung aus Peking mög­lich gemacht.

Abes Ein­ver­ständ­nis

Die Regie­run­gen bei­der Län­der haben zudem ihr Wohl­wol­len über die Städ­te­di­plo­ma­tie zum Aus­druck gebracht. Man hof­fe, dass sich der Besuch posi­tiv auf die Freund­schaft und das gegen­sei­ti­ge Ver­ständ­nis zwi­schen den Haupt­städ­ten aus­wir­ken wer­de, gab sich das chi­ne­si­sche Aus­sen­mi­nis­te­ri­um laut der Yomi­uri Shim­bun diplo­ma­tisch zuversichtlich.

Auch Pre­mier­mi­nis­ter Shin­zo Abe hat sein Ein­ver­ständ­nis zum Besuch Masu­zoes gege­ben. Der Tokio­ter Gou­ver­neur soll den Pre­mier am 10. April dar­über unter­rich­tet haben, wie TBS News berich­tet. Die bei­den Poli­ti­ker ken­nen sich schon lan­ge. Yoi­chi Masu­zoe war in Abes ers­tem Kabi­nett vor sie­ben Jah­ren Gesund­heits­mi­nis­ter und bis 2010 in der­sel­ben Par­tei. Bei den Gou­ver­neurs­wah­len trat er zwar als Unab­hän­gi­ger an, durf­te aber auf die Unter­stüt­zung von Shin­zo Abe und den regie­ren­den Libe­ral­de­mo­kra­ten zählen.

Die Idee einer Städ­te­di­plo­ma­tie mit Peking wur­de bereits wäh­rend den Gou­ver­neurs­wah­len von Kan­di­dat Mori­hi­ro Hos­o­ka­wa ein­ge­bracht. Das Umfeld des Ex-Pre­miers deu­te­te damals an, dass er bei einer erfolg­rei­chen Wahl sei­ne guten Kon­tak­te zu Chi­na ein­brin­gen würde.

Die Idee einer Dop­pel-Diplo­ma­tie durch Abe-Kri­ti­ker Hos­o­ka­wa stiess bei der Regie­rung Abe jedoch auf Ableh­nung. «Wenn der Gou­ver­neur der Haupt­stadt aus­sen­po­li­tisch eine ande­re Hal­tung ein­nimmt als der Regie­rungs­chef, könn­ten dies Chi­na und Süd­ko­rea zu ihrem Vor­teil aus­spie­len», äus­sert sich ein Regie­rungs­of­fi­zi­el­ler damals besorgt (Asi­en­spie­gel berich­te­te).

Zwi­schen Hoff­nung und Skepsis

Hos­o­ka­wa schei­ter­te letzt­end­lich mit sei­ner Kan­di­da­tur. Da nun mit Yoi­chi Masu­zoe ein loser Ver­bün­de­ter von Shin­zo Abe im Gou­ver­neurs­amt ist, steht dem Städ­teaus­tausch nichts mehr im Weg. Masu­zoe beton­te dabei, dass er die diplo­ma­ti­sche Hoheit der Zen­tral­re­gie­rung nicht in Fra­ge stelle.

Dies unter­strich auch der japa­ni­sche Kabi­netts­se­kre­tär Yoshihi­de Suga in einer Pres­se­kon­fe­renz. Er erhof­fe sich durch den Besuch Masu­zoes in Peking einen Fort­schritt im loka­len, kul­tu­rel­len und wirt­schaft­li­chen Aus­tausch. Von Poli­tik oder Diplo­ma­tie war bewusst kei­ne Rede.

Und so gibt es Stim­men, die am Erfolg von Masu­zoes Mis­si­on so ihre Zwei­fel haben. Das Bou­le­vard­blatt Nik­kan Gen­dai schreibt von einem Dop­pel­spiel Pekings und bezeich­net Masu­zoe als Oppor­tu­nis­ten, der mit sei­nem Vor­ge­hen Abes Auto­ri­tät untergrabe.

Der­weil meint Zhou Yong­sheng von der Chi­na For­eign Affairs Uni­ver­si­ty gegen­über der South Chi­na Morning Post, dass man von die­sem Städ­te­tref­fen nicht zu viel erwar­ten sol­le. «Es wäre nicht klug, mit einem diplo­ma­ti­schen Durch­bruch in naher Zukunft zu rech­nen. Abes Besuch im Yas­uku­ni-Schrein hat die bila­te­ra­len Bezie­hun­gen nach­hal­tig beschädigt.»

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